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Prolog
Padule di Fucécchio, Toskana, Januar 1781
Es war der sechzehnte Tag des neuen Jahres, und Gildo Algarotti zitterte
vor Kälte. Ein eisiger Nordwind fegte über die Kuppen des Apennin
und fraß sich unerbittlich durch seinen fadenscheinigen Wollmantel.
Er knabberte an seinen Zehen, er ließ die Ohren jucken und die Nase
laufen. Verdrossen trottete der alte Mann den Weg entlang, seinen Beutel
über der Schulter, und dachte daran, wie er im fernen Lüttich
vor Marie und Clément von der Heimat geschwärmt hatte: In
Italien, Leute, ist das Wetter der Freund der armen Leute. Sonnenschein,
und der Wind streichelt dich - das ist, als spürst du die Hand deiner
Mutter auf der Haut
Nichts spürte er, außer dass er bald krepieren würde,
wenn er nicht ins Warme kam.
Na schön, dachte er, während er sich umschaute. Was die Landschaft
anging, konnte er nicht klagen. Das Röhricht des Fucécchio-Sumpfes,
durch den sein Weg ihn führte, strahlte wie ein goldener Flaum, und
das Wasser spiegelte einen lichtblauen Himmel - so was gab´s im
Norden nicht. An den Weidenzweigen blinkten gefrorene Wassertropfen wie
Diamanten. Ein Festsaal für Feentanz und Elfenreigen, dachte er mit
einem schiefen Lächeln wegen seines romantischen Herzens, das ihm
alle traurigen Erfahrungen nicht hatten austreiben können. Im Moment
hätte er allerdings sämtlichen Flitter der Natur gern gegen
einen einzigen brennenden Holzscheit getauscht.
Ihm war das letzte Mal warm gewesen, als er vor den Hunden davongerannt
war. Das war am Morgen dieses Tages gewesen, in einem Dorf, das Ponte
der-Teufel-mochte-wissen-wie hieß. Seine Laune verdüsterte
sich, als er an die Köter dachte, die ihn in der Scheune aufgestöbert
und gnadenlos über den Hof und durch das Dorf gejagt hatten. Der
Bauer, der Saukerl, hatte sie erst zurückgepfiffen, nachdem Gildo
die Brücke überquert hatte und in diesem verhexten Sumpf gelandet
war. Seitdem irrte er umher, ohne einen Schimmer, wo er sich befand und
wohin es sich zu laufen lohnte.
Er hätte natürlich hinter der Brücke warten können,
bis der Bauer verschwunden war, und dann wieder ins Dorf gehen und die
Straße nach Montecatini suchen. Aber
nun ja - er mochte keine
Hunde. Tatsächlich hatte er sogar eine Heidenangst vor ihnen. Er
wäre niemals in das Dorf zurückgekehrt. Die Viecher besaßen
ein verdammtes Gedächtnis, und je löchriger der Mantel, umso
wütender bissen sie zu.
Gildo schritt schneller aus, in der Hoffnung, sich auf diese Weise ein
bisschen aufzuwärmen. Dabei folgte er einem Weg aus gefrorenen Karrenspuren,
um sich nicht in tückisches Gebiet zu verirren. Hier wimmelte es
von Mooraugen, immer wieder blitzte Wasser zwischen den gelben Halmen
auf. Wenn er fehltrat
Seine Phantasie zeigte ihm eine angefressene
Wasserleiche, die mit Stangen an Land gezogen wurde. Fröstelnd schaut
er zur Sonne, um sich zu vergewissern, dass er nicht im Kreis wanderte.
Und dann sah er plötzlich das Haus.
Es war ein neueres Gebäude, die Wände aus gelbem Sandstein,
das Dach mit scharlachroten Ziegeln gedeckt, in der Mitte ein riesiger,
quadratischer Schornstein, allerdings ohne die Rauchfahne, die zu dieser
Jahreszeit obligatorisch war. Guido blieb stehen. Er runzelte die Stirn.
Seine langen Wanderungen durch Italien und Mitteleuropa hatten ihn mit
einem gesunden Misstrauen gegen alles versehen, was sonderbar war. Und
etwas Sonderbareres als dieses Haus war ihm noch nie begegnet. Es wirkte
so fehl am Platz wie ein Kamel auf einer Kuhweide. Erst einmal der Standort,
und dann: Die Fenster waren vergittert. Sogar die im Obergeschoss. Warum
baute man in einem Sumpf ein Gefängnis? Und wenn es sich nicht um
ein Gefängnis, sondern um ein Wohnhaus handelte, und der Besitzer
so ängstlich war, dass er sich hinter Gittern verbarrikadierte -
warum wohnte er dann in dieser schrecklichen Einsamkeit, wo ihm niemand
zur Hilfe eilen konnte?
Zögernd ging der Alte weiter. Als er näher kam, sah er, dass
es in dem Haus gebrannt haben musste. Flammen, die aus den Fensterhöhlen
geschlagen waren, hatten mit schwarzen Zungen über die Außenmauern
geleckt. Er blieb erneut stehen. Über sich hörte er den miauenden
Ruf eines Bussards, der im Aufwind über dem Wasser kreiste. Er stopfte
die Hände unter seine Achseln, um sie zu wärmen.
Weg von hier, Gildo, dachte er, hau ab. Nichts für dich. Das Haus
schien ihm mit seinen verbrannten Fensterluken zuzuzwinkern wie ein boshafter
Geist. Aber dann standen vor seinem inneren Auge plötzlich die Reste
halb verbrannter Möbel, hölzerne Bodendielen und dergleichen
mehr, lauter Zutaten für ein Feuerchen, das ihm die Glieder wärmen
würde.
Unschlüssig blies er den Atem in die Luft und starrte auf die Rußfladen.
Ihm fiel ein, dass er dringend sein Döschen mit falschem Arsenik
auffüllen musste. Der Winter war für Leute wie ihn eine schlimme
Zeit. Er war Theriakkrämer und bot ein Mittel gegen Vergiftungen
und Krankheiten feil. Im Winter war das schwierig, denn das klamme Wetter
ließ seine Finger steif werden, und
nun ja.
Seine Methode war einfach und wirksam. Wenn er in einen Ort kam, bestellte
er beim Apotheker einige Stückchen Arsenik, die er in Papier einwickelte
und ihn aufzubewahren bat. Auf dem Markt pries er später sein Theriak,
ließ von einem eifrigen Zuhörer das Arsenik aus der Apotheke
holen - kein Betrug, liebe Leute, der Apotheker kann´s bezeugen!
- und tauschte, während er wortreich sein Vertrauen ins Theriak beschrieb,
das Gift gegen ein Teigstück aus Zucker, Mehl und Safran aus. Er
verschluckte das falsche Arsen - wie hielten sie den Atem an! - und dann
das Theriak
und alles Weitere geschah von selbst.
Nur durften seine Finger nicht steif sein.
Gildo seufzte und näherte sich widerwillig dem Haus. Die Tür
war aus schwerem Eichenholz - und sie stand offen. Das ist ja wie eine
Einladung, Junge, du hast Glück! Aber seine Schritte wollten nicht
schneller werden.
Dann hörte er das Gebell.
Trotz seines Alters - er war bereits über sechzig - schaffte Gildo
es mit einem einzigen Satz ins Röhricht, wo er zu Boden glitt. Er
lachte ein bisschen über sich und war froh, dass ihn niemand gesehen
hatte. Schon wieder Hunde. Diese verdammten Viecher schienen ihn heute
zu verfolgen. Aber der Wind stand günstig. Er blies ihm ins Gesicht,
so dass die Köter ihn mit etwas Glück nicht riechen konnten.
Gildo zitterte, während Sumpfwasser seine Hose durchtränkte
und er zu der offenen Tür starrte. Aus dem Hausinnern drangen unterschiedliche
Belllaute. Er kam zu dem Schluss, dass er es mit drei Hunden zu tun hatte.
Große Hunde, dachte er. Verflucht groß, die mussten Lungen
wie Kürbisse haben. Er spähte durch die Halme und meinte, etwas
Schwarzes im Türspalt zu sehen. War das eines der Tiere? Nee, so
groß wurden die nicht, das gab´s gar nicht. Das war ja ein
halbes Rind! Gildo ließ die Stirn auf den gefrorenen Matsch sinken
und bemühte sich, sein schlagendes Herz zur Ruhe zu bringen.
Seine Hundekenntnisse stammten aus vielen tristen Erfahrungen. Die schrecklichsten
hatte er zum Glück nicht am eigenen Leib erlitten. Da war dieser
Norweger gewesen, Leif, den sie den Stotterer nannten, dem hatte ein Bullenbeißer,
der zu einer Jagdgesellschaft gehörte, das halbe Gesicht weggerissen.
War er auch dran gestorben. Gildo hatte ihm in seiner letzten Stunde die
Hand gehalten. Dann dieser glotzäugige Köter, den sie auf den
ersten Blick als zahme Töle abgestempelt hatten - und der sich dann
in Marie Martins Oberschenkel verbissen hatte: Sie mussten wohl eine Viertelstunde
auf ihn einprügeln, bis er von Marie abließ, da war er schon
fast tot gewesen, und Clément hatte trotzdem noch den Kiefer mit
einer Eisenstange aufstemmen müssen. Die Töle hatte nicht gebellt,
deshalb hatten sie ihre Gefährlichkeit unterschätzt.
Ansonsten konnte man sich auf sein Gehör verlassen: Die Kläffer,
die sich einfach nur aufregten und die man mit einem Tritt beiseite fegen
konnte, die heimtückischen Grummler, die gereizten Knurrer ...
Die Hunde aus dem Haus
waren nicht einzuordnen.
Gildo lag mit der Hüfte auf seinem Bündel, er spürte den
Druck der Dose, in der er sein falsches Arsenik aufbewahrte. Seine nervöse
Blase meldete sich. Er bildete sich ein, dass der Wind ihm den Geruch
von Frühlingsblumen zutrug, aber das war mit Sicherheit ein Wunschtraum,
jetzt im Januar. Plötzlich hörte er, wie die Haustür scharrte.
Ein kräftiges Geräusch, als hinge sie schief in den Angeln und
würde mit Gewalt über den Boden gezerrt. Er hätte hinübergespäht,
aber er traute sich nicht. Jemand sprach mit leiser Stimme auf die Hunde
ein, um die Viecher zu beruhigen.
Das Bellen wurde leiser, die Gesellschaft entfernte sich, bis schließlich
jedes Geräusch verstummt war.
Wäre es nicht so kalt gewesen, Gildo hätte bestimmt noch ein
Weilchen auf dem Boden ausgeharrt - nur um sicher zu gehen. Aber der Frost
biss und zwickte. Mühsam rappelte er sich auf und humpelte zum Haus.
Jetzt gab es keine Wahl mehr. Er musste seine Kleider trocknen. Die Tür
war von der Hitze des Feuers verzogen, und er brauchte eine Menge Kraft,
um sie aufzustemmen.
Verdutzt blieb er stehen. Er hatte einen Korridor erwartet oder eine Stube
oder vielleicht ein ausgeräumtes Warenlager - aber was sich ihm bot,
war so bizarr, das er sich einen Moment in einen Albtraum versetzt fühlte.
Das Haus wurde von einer Maschine bewohnt.
Entgeistert starrte Gildo auf zwei riesige Metallzylinder, über denen
eine Art hölzerne Wippe schwebte, mit einem Hammer an jedem Ende.
Überall hingen Ketten, dazwischen waren Eisengestänge montiert,
und durch die Gestänge erblickte er ein gigantisches Eisenrad. Doch
die Maschine war zerstört worden. Ihre Zylinder waren eingedellt,
einer der Hammer abgebrochen, das Gestänge aus den Verankerungen
gerissen - als hätte sie sich mit einer größeren und zornigeren
Maschine in einen Kampf eingelassen. Sämtliche Holzteile waren verkohlt
und mit fettigem Ruß bedeckt.
Abgestoßen und neugierig zugleich stieg Gildo einige Treppenstufen
hinab. Unterhalb der Maschine befand sich ein runder Ofen, der offenbar
mit Kohle gespeist worden war, denn auf dem gekachelten Fußboden
davor entdeckte er Kohlenstaub und schwarze Kohlebröckchen. Vor dem
Ofen lag ein stinkender, frischer gelber Hundehaufen.
Gildo hatte genug. Durch eines der Fenstergitter fielen Sonnenscheinquadrate
vor die Ofentür. Draußen mochte es kalt sein, aber alles war
besser als dieses Haus.
Er hätte später nicht sagen können, warum er ein zweites
Treppchen erklomm, statt ins Freie zurückzukehren. Er hätte
nicht sagen können, warum er auf das Eisenrad zustrebte, und auch
nicht, warum er den riesigen, umgestürzten, vom Feuer versengten
Tisch umrundete.
Er bemerkte zunächst die Blutlache. Dann sah er den Mann. Der Bursche
lag am Boden. Seine Glieder waren verrenkt, Hände und Füße
gefesselt. Er war geknebelt, und aus dem geknoteten Tuch am Hinterkopf
quollen seidig-schwarze Locken. Der Mann war nackt, sein Hintern und seine
Beine mit Bisswunden übersät, in denen Blut schimmerte wie Wein.
Schwankend zwischen Entsetzen und Neugierde tat Gildo einen weiteren Schritt,
so dass er das Gesicht des Gemarterten erkennen konnte.
Der Anblick sollte sich ihm unlöschbar einprägen. Augen, schwarz
und blank wie Glasperlen im Schnee, starrten ihm über dem Knebel
entgegen, als flehten sie ihn um Hilfe an. Gildo fuhr der Schreck in sämtliche
Glieder. Er traf keine Entscheidung. Seine Beine trugen ihn fort, als
würden sie von einer fremden Macht bewegt. Weg von dem entsetzlichen
Haus, weg von dem Gefolterten. Weg von dem Hundehaufen.
Bis ans Ende seines Lebens sollte ihn die Frage quälen, ob der Mann,
der er dort neben der Maschine hatte liegen lassen, zu diesem Zeitpunkt
noch gelebt hatte.
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