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Prolog
Florenz im Dezember 1779
Inghiramo Inghirami, Tragödiendichter und Schreiber von Opern-
und Oratorienlibretti, trat vor das Portal des Teatro della Pergola. Es
war halb fünf, und über Florenz brach eine frühe Nacht
herein. Schneeflocken tanzten im Licht der Straßenlaternen wie eine
himmlische Balletttruppe, die sich übermütig dem gestrengen
göttlichen Blick entzogen hat. Sie wehten über die Gesimse,
Giebel und Balustraden des gegenüber liegenden Ospedale Santa Maria
Nuova und legten sich sammetweich auf den Rasen und die Büsche des
krankenhauseigenen Gartens. Sie bestäubten die Götterfiguren,
die dort standen, und bedeckten das bucklige Straßenpflaster. Verzaubert
hob Inghiramo die Handflächen und ließ die kalten Sterne auf
seiner Haut schmelzen. Er war glücklich. Cecilia würde kommen.
Sie hatte ihm ein Billett geschickt und es versprochen.
Seinem sonst so zynischen Blick entging der von Syphilis gezeichnete Bettler,
der in viel zu dünnen Lumpen unter einem Vordach des Ospedale zitterte
und möglicherweise erfroren sein würde, bevor die Vorstellung
im Teatro beendet war. Er sah auch die Frauen nicht, die an die Kutschen
herantraten und in Zimt eingelegte Orangen - und andere, verbotenere Früchte
- feilboten, und die Ratten, die die Pfeiler hinaufflitzten und sich unter
den Dachbalken tummelten. In einer Stunde würde sich drinnen im Theater
der Vorhang heben, und seine Merope - Drama in drei göttlichen Akten
von explodierender Sprachgewalt! - die Premiere erleben. Und Cecilia würde
Zeuge sein
Ein krausköpfiger Junge in einer viel zu großen blauroten Uniformjacke,
die wahrscheinlich aus dem Fundus des Theaters stammte, verteilte Flugzettel
an die Passanten. "Mörder will Königin schänden
Drama des berühmten Inghirami
Mörder will Königin
schänden
Beginn punkto sechs
nur noch wenige Karten
Mörder will Königin
wenn es gefällig ist,
der Herr
"
Dem Herrn war es nicht gefällig, ungeduldig schlug er ihm die Zettel
aus der Hand. Der Junge hob sie wieder auf, blies den Schnee fort und
brüllte weiter, was man ihm aufgetragen hatte.
Mörder
will Königin schänden
Mit ein wenig Glück würde
er sich heute Abend eine Suppe in der Garküche an der Ecke des Ospedale
leisten können.
Inghiramo blickte die Straße hinab. Der Mond hatte sich einen Platz
zwischen den zerrissenen Wolken erkämpft, und sein blasses Licht
zeichnete die Umrisse der Kirchendächer, Türme, und Hausfassaden
weicher, so dass es aussah, als wären sie eine von Rosalbo Carriera
gemalte Kulisse. Undeutlich erkannte er eine Gruppe Studenten, die ein
Denkmal mit Schneebällen bewarfen.
Die ersten Zuschauer erreichten das Theater, und ein riesiger Schwarzer,
den man wegen des exotischen Ambientes angestellt hatte, dirigierte die
Sänften in den Portechaisensaal, wo sie in den dafür vorgesehenen
Gefachen verstaut werden würden. Hastig klopfte sich Inghiramo den
Schnee von der Jacke. Er kehrte ins Theater zurück. Cecilia mochte
die Leidenschaft seines Lebens sein, aber er würde ihr nicht wie
ein Schoßhündchen schon an der Tür entgegenhecheln.
Im Vestibül nahm er einem der Diener, die in weißgoldenen Uniformen
über den Marmor schritten und den Theaterbesuchern Erfrischungen
kredenzten, ein Glas Champagner ab und wartete.
In den von Kerzenschein glänzenden Spiegeln, die die Wände bedeckten,
erblickte er seine Gestalt. Was er sah, gefiel ihm. Nachtschwarze Culotten,
eine ebenso schwarze Weste, fedrige graue Spitzenmanschetten von der Feinheit
eines Spinnennetzes
dazu eine schmale Nase, die aussah, als wäre
sie einmal gebrochen gewesen
schön, schön. Eine düstere,
eine tragische Erscheinung. Das Geschenk, das Gott ihm dazugegeben hat,
waren die dunklen Augen, diese prächtigen schwarzen, von innen leuchtenden
Edelsteine, die selbst in Zeichen höchsten Frohsinns von einem geheimen
Leiden zu künden schienen. Als Kind hatten sie ihm gelegentlich eine
Extraportion Salzfleisch eingebracht - und die Prügel seiner Brüder,
die sich völlig zu Recht schlecht behandelt fühlten
"Keine Verwandten, Herr. Nur die alte Schraube von Großmutter."
Inghiramo fuhr zusammen, als er so unvermittelt angesprochen wurde. Sein
Diener Fernando stand zitternd vor ihm in einem schneebedeckten, fadenscheinigen
Mantel. Von den löchrigen Schuhen tropfte der Matsch. Er warf einen
sehnsüchtigen Blick zum Redoutensaal, aus dem die Wärme eines
kräftig eingeheizten Kamins drang. "Es gab einmal einen Großonkel
"
"Psst, nicht doch!" Inghiramo winkte seinen Lakai hastig in
eine Ecke. Es fehlte noch, dass sie Aufmerksamkeit weckten. Wie hatte
der Bursche sich überhaupt in die oberen Räume schleichen können?
"Ein Großonkel, Herr, aber der ist tot. Keine Brüder,
keine Vettern
"
"Ich hab´s verstanden! Ab nun
"
"Nur die Alte und das Mädchen
"
"Fort mit dir!"
Während Fernando gehorchte, schwebten die ersten Damen herein, Flaggschiffe
in Damast und Seide, mit Turmfrisuren, in denen ihre Friseure Pfauenfedern,
Perlenketten, kleine Figuren, Spangen, Spitzentücher und Blumenarrangements
drapiert hatten. Die Herren umschwirrten ihre Begleiterinnen und säuselten
Artigkeiten in die winzigen Ohren unter den Turmaufbauten.
Inghiramos gute Laune schwand. Plötzlich sah er sie vor sich, die
Laffen, wie sie im Parkett miteinander gackern würden wie auf einem
lausigen Fischmarkt, während die Schauspieler seine Verse ins Parkett
schleuderten. Man konnte dagegen nichts machen. In der Provinz wurde das
Theater gewürdigt, hier diente es nur als Kulisse für Geschwätz
und Tratsch.
Er hätte sich vielleicht in eine üble Stimmung hineingesteigert,
doch in diesem Moment betrat Cecilia Barghini das Vestibül. Inghiramo
verschmolz mit dem Schatten einer Säule und beobachtete, wie sie
an der Seite ihrer Großmutter kerzengerade durch den strahlenden
Spiegelsaal schritt.
Sie trug eine weiße, mit Schneeflocken bestickte Seidenrobe und
ihr lockiges Haar war durch eine einzige rosafarbene Blüte verziert
- ein wohltuender Unterschied zu den aufgedonnerten Gänsen. Sie lachte
und plauderte mit ihrer Großmutter und legte den Kopf schief, wozu
sie eine Neigung hatte.
Sie hatte blonde Haare, was er eigentlich nicht mochte, denn Blond stand
für Heiterkeit und Heiterkeit für Commedia und Commedia für
Idioten. Er konnte auch die Sommersprossen nicht leiden, die sich vulgär
auf ihrer Nase tummelten. Sie neigte zur Fülle. Noch nicht jetzt.
Eingezwängt in ihr Korsett gab sie eine tadellose Figur. Aber in
wenigen Jahren, wenn sie ausreichend genascht, vielleicht Kinder geboren
hatte, würde sie auseinander gehen. Dafür hatte er einen Blick.
Sie würde sich in ein Hausmütterchen verwandeln, in eine Küchlein
servierende Matrone.
Und wenn er all das wusste - warum, zur Hölle, war er ihr dann verfallen?
Hatte er, der berühmte Inghirami, nicht Dutzende Liebschaften gepflegt?
War nicht sogar eine Comtessa in sein Bett gekrochen? Und er hatte sie
am nächsten Morgen schluchzend in ihr Kleid steigen lassen, und sie
hatte es hingenommen, dass er sie mit dem Wedeln seiner Hand verscheuchte,
weil ihm in Hexameter geformte Leidenschaft aus dem schwarzen Federkiel
floss. Und nun versteckte er sich wie ein Hanswurst hinter einer Säule!
Aber was sollte er tun? Er hörte ihr Lachen, und sein Herz entbrannte
von neuem, als hätte ein Lampenknecht es mit dem Feuerstab berührt.
Trotz ihres niedlichen Aussehens war Cecilia nicht dumm, sogar schlagfertig,
gemessen an den Möglichkeiten einer Frau. Er erinnerte sich an die
erste bewusste Begegnung, als sie ihm zur Bearbeitung der Cleopatra gratuliert
hatte. Sie war beeindruckt gewesen, sie
nun ja, sie hatte Cleopatras
Abschied kritisiert - und er musste zugeben, diese Stelle war nicht die
Stärkste des Stückes. Aber sie hatte es in einer Weise getan,
die ihm ob des freundlichen Witzes den Atem verschlug.
Von da an waren Blicke getauscht und schließlich Billets zugesteckt
worden. In aller Heimlichkeit natürlich, denn Großmamma wachte
mit dem Misstrauen eines Hofköters über die Enkeltochter.
Inghiramo seufzte. Er machte sich nichts vor - ein Tragödiendichter,
der einer unbescholtenen jungen Dame der guten Gesellschaft nachstellte,
begab sich in Gefahr. Nicht in die eines Duells, wie Fernandos Recherchen
ergeben hatten. Aber man konnte ihn einlochen, ihn auf die Galeere schicken,
ihn aus der Stadt jagen, ihn von bezahltem Gesindel verprügeln lassen
Er sah, wie sie sich verstohlen umdrehte, als sie die Treppe erreichte.
Wagemutig trat er hinter der Säule hervor und winkte ihr zu. Cecilia
klappte mit einer mutwilligen Gebärde den Fächer zusammen und
spreizte ihn wieder. Und schon war sie in dem Gang verschwunden, der zu
ihrer privaten Loge führte.
Inghiramo machte sich auf den Weg zum Proszenium. In einer halben Stunde
würde die Vorstellung beginnen. Das Teatro della Pergola hatte eine
schlechte Saison hinter sich. Nehmen wir eine Komödie, etwas Märchenhaftes
Gozzi läuft immer!, hatte der Vorstand der Società
di palchettisti gefordert, und sein Wunsch hatte Gewicht, denn die Theatermäzene
sorgten dafür, dass der Laden nicht geschlossen werden musste. Gozzi
läuft immer - natürlich! Das zum Erbrechen stupide Publikum
brüllte bei jedem Purzelbaum des Harlekin, als hätte man es
mit einer Sensation überrascht.
Aber der Impresario hatte sich durchgesetzt. Merope hatte das Zeug, die
Seelen der Menschen zu berühren. Ein Stück voller Qual und Abgründigkeit.
Wofür leben wir, Signori, wenn nicht für die Unsterblichkeit!
Rosetti, der Eifersüchtling, der für das Teatro degli Intrepedi
schrieb, hatte heimlich die Proben besucht und seine Zunge gewetzt, um
das Drama in Verruf zu bringen. Am Ausmaß seines Bemühens konnte
man erkennen, wie beeindruckt er gewesen sein musste. Gott ja, ich bin
gut, dachte Inghiramo und fühlte, wie ihm warm ums Herz wurde.
Von einer Seitentür aus verfolgte er wenig später die Premiere.
Die Schauspieler spielten mit Inbrunst. Egisto wurde vor seine Mutter
geführt und des Mordes an einem Fremden angeklagt. Die Königin,
die ihn nicht erkannte, war seltsam berührt - gut gemacht, Luisa,
wärest du nicht so alt, ich küsste dir die Tränen fort
-, und sie zögerte, das Todesurteil auszusprechen. Polifonte erklärte
ihr trügerisch, dass es sich bei dem Mordopfer um ihren Sohn handele
An dieser Stelle musste Inghiramo zähneknirschend mit ansehen, wie
Romano, der Herr über die technischen Zaubereien, die Windmaschine
in Gang setzte. Inghiramo hasste das Gerät wegen seiner Unzuverlässigkeit.
Drehte man zu stark an der Winde, dann wurde ein Luftstrom auf die Bühne
geblasen, der die Röcke hob. Ein willkommenes und oftmals gesteuertes
Missgeschick bei einer Komödie - aber für die Merope tödlich.
Er hatte sich die Windmaschine verbeten, tausendmal! Ein einziger nackter
Hintern, und sein Drama würde im Gelächter der Stadt untergehen
...
Luisas Rock hob sich gerade eben über ihre hübschen Knöchel.
Inghiramo hatte noch einen brenzligen Moment auszustehen, als zwei Tauben
freigelassen wurde - Tauben kacken jedes Mal, keine Tauben, Romano! Aber
das Federvieh hielt an sich, und die Merope wurde frenetisch bejubelt.
Inghiramo fühlte, wie er sich auflöste vor Erleichterung. Er
blickte zu den Logen und sah, dass Cecilia aufgestanden war. Sie klatschte,
und er bildete sich ein, auf ihren Wangen Tränen zu sehen. Er hatte
ihr Herz erschüttert! Und sie war wunderschön. Sie würde
niemals fett werden.
Was schert mich das Publikum, dachte er, als er taumelnd vor Seligkeit
das Proszenium betrat und sich verbeugte. Welche Mühe kostete es
ihn, kühl zu bleiben, schwermütig, abweisend. Seine Seele jubelte.
Cecilia klatschte immer noch. Der Hofköter lächelte leutselig
und winkte mit dem Fächer. Wirkliche Wunden, aus denen wirkliches
Blut fließt, sind eine böse Sache, dachte Inghiramo. Und dann:
Gott, du weißt, ich liebe sie.
Als er eine Stunde und viele Verbeugungen und Komplimente später
den Redoutensaal betrat, wo die Theatergäste sich an Spieltischen
und vor einem weißen Marmorkamin vorsammelt hatten, fasste er sich
ein Herz. Er beugte sie über Cecilias Hand und ließ ein winziges
Stück Papier darin verschwinden.
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