| |
Du willst eine Weihnachtsgeschichte hören? Ich könnte
dir eine erzählen. Sie beginnt allerdings traurig, mit dem Tod meiner
Eltern, und das ist ein schlechter Anfang für jede Geschichte. Aber
wenn sie nicht gestorben wären, wäre ich niemals ins Riesengebirge
gezogen, ich hätte Anna und ihre Brüder nicht kennen gelernt,
der heilige Petrus hätte nicht versucht, mich zu verprügeln,
und natürlich wäre auch der Weihnachtswolf ...
Aber vielleicht sollte ich mit dem Anfang beginnen.
Vor dem Tod meiner Eltern lebte ich in Rom. Wir besaßen dort eine
Omnibuslinie und eine Villa, in deren Garten eine Schaukel und ein Brunnen
mit einem gehörnten, zottelbärtigen Mann aus Mar*mor standen,
und ich war ein glückliches Kind. Ich verbrachte den Sommer mit meiner
Mutter in den Bergen, wo wir lange Wanderungen machten, und wenn wir zurückkamen,
besuchten wir die Museen und den Fischmarkt. Dann kamen meine Eltern bei
einem Schiffsunglück ums Leben, und als die Beerdigung vorüber
war, erklärte mir mein römischer Onkel, dass ich am besten bei
den deutschen Schwestern meiner Mutter aufgehoben sei. Er telegrafierte,
und vier Tage später fuhr ich in einer fauchenden Lok in den Bahnhof
von Hermsdorf ein.
Genau genommen war es gar kein Bahnhof. Nur ein gepflasterter Laufsteg
und ein Platz voll Stapelholz. Hinter den Holzhaufen erhoben sich verschneite
Berghänge, an denen Blockhäuser mit Schindeldächern klebten.
Es graupelte, und als ich aus der Bahn stieg, erschien mir der Himmel
wie ein gepolsterter Sargdeckel, der sich über das Land legen wollte.
Das war es, was ich dachte, als ich zum ersten Mal den schweren, grauen
Himmel des Riesengebirges sah. Ein Sargdeckel.
Die Frau, die mich begleitet hatte, tätschelte meinen Kopf und übergab
mich an zwei Damen, die auf dem Bahnsteig warteten. Eine von ihnen zog
mich an ihren Mantel aus rotem Fuchsfell und vergoss Tränen in mein
Haar. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie ein Bahnbeamter meine
beiden Koffer aus dem Abteil reichte. So begann mein neues Leben.
Bevor nun Mitleid aufkommt: Mich erwartete kein trauriges Waisenlos. Vor
dem Bahnhof stand ein Opel 4, und ein Chauffeur, der etwas Lustiges vor
sich hin pfiff, fuhr uns zu einem Haus mit Türmchen und einem roten
Ziegeldach, das wie ein kleines Schloss aussah. Die Tanten brachten mich
in ein Zimmer. Es hatte grüne Vorhänge, und an den Wänden
standen ein glänzendes Messingbett, zwei weiße Kommoden
|
|