Leseprobe
 
 

1. Kapitel

Jette konnte fliegen. Sie schwang die Arme, sie drehte Kreise, sie flitzte übers Eis, als gäbe es keine Schwerkraft. Die Sonne war nah und hell wie eine himmlische Laterne, ein Leierkasten spielte das Lied von der russischen Kalinka, und in ihrer Nase hing der Duft von Pfefferkuchen, Bratgewürzen und Käsekeulchen. Sie war glücklich.
Dschummm … ein weiterer Bogen. Die Bäume, die am Elbufer standen, sausten an ihr vorbei. Sie hatten die Blätter verloren, aber der Winter hatte die Äste mit Girlanden aus Reif geschmückt und die Abendsonne ihre Kronen in Gold getaucht. Kurz überlegte Jette, eine Pirouette zu drehen. Sie konnte das, im Ernst, sie hatte es kürzlich auf einem zugefrorenen Teich ausprobiert. Aber die Elbe war voller Menschen, die mit ihr den Abend genossen, und da wollte sie sich nicht auf den Hintern setzen und sich blamieren.
Dschummm … Das Eis knirschte unter den Kufen ihrer rostigen Schlittschuhe. Die Fische darunter glotzten sicher und staunten, wie schnell sie sich bewegte. Noch eine Drehung ... Vor ihr tauchte ein Schlitten mit einer Mutter und ihrem Kind auf, der von einem Mann über das Eis geschoben wurde. Die Fahrt war stürmisch, und das Kind drückte die Wange an die schützende Brust ihrer Mutter. Die Frau, in Pelze und Decken gehüllt, lachte, der Vater gab acht, dass den beiden nichts geschah.
Beim Blick in sein bärtiges Gesicht traf der Stachel der Eifersucht direkt in Jettes Herz. So etwas geschah ihr gelegentlich. Annie war eine fabelhafte Mutter, die sie liebte und beschützte, so gut es eben ging, aber ihr Vater war gestorben, als Jette noch ein Säugling gewesen war. „Erst war er krank, dann war er tot“, hatte Annie kurz angebunden erklärt, als sie alt genug gewesen war, um nach ihm zu fragen. Und damit hätte Jette sich vielleicht abfinden können. Es starb ja immer irgendwer. Aber als sie ihrer Nachbarin, der Frau Kröger mit den dicken Brüsten und dem mageren Hals, davon erzählte, hatte die sie ausgelacht und behauptet, dass Jettes Mutter überhaupt nie verheiratet gewesen sei und ihr Vater wahrscheinlich keine Lust gehabt habe, sich von einer, die mit dem Erstbesten ins Bett stieg, einen Balg ans Bein binden zu lassen. Seitdem stach der Stachel der Eifersucht, wenn Jette Kinder mit ihren Vätern sah.
Aber … ach was! Wenn die Fliege geschissen hat, hilft kein Heulen mehr, sagte Annie immer. Jette hob die Arme zu einer erneuten Drehung. Schneeflocken flogen ihr ins Gesicht wie zarte, kalte Küsse. Die Kröger log sowieso, das wusste die ganze Straße.
Sie zog eine besonders enge und damit gefährliche Kurve. Das Kunststück gelang, aber der Zauber des Nachmittags war bei dem Gedanken an ihren Vater verflogen. Plötzlich war sie wieder zu einem zwölfjährigen Mädchen in geflickten Kleidern geworden, dessen Schlittschuhe vom Abfall stammten und das weder besonders klug noch besonders hübsch war. Die Sonne stand auf den Dächern, die Menschen strebten dem Ufer zu und warfen Blicke zum Himmel, weil Wolken aufzogen. Der Leierkastenmann deckte ein Tuch über seine Drehorgel und trat nach seinem Hund. Bald würde es dunkel sein, sie musste zusehen, dass sie nach Hause kam.
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