Leseprobe
 
 

1.Kapitel


Der Tod tanzte durch den Saal.
Sein bleicher Finger winkte ein Mädchen mit honigfarbenen Flechten heran. Er verbeugte sich, die Zähne berührten die makellose Hand, als sie sich ihm lachend zuwandte – und Augenblicke später sank das Kind auf die Fliesen. Der Tod sprang weiter. Ihm wuchs eine Fiedel aus der Hand, so elfenbeinfarben wie seine Knochen, und ein Mönch, der eben noch schläfrig in einer Ecke an einer Honigwabe gesogen hatte, erhob sich und begann sich im Kreis zu drehen. Voll Übermut stupste der Tod ihn mit dem Fiedelbogen an. Er suchte ... und fand ...
Ich brauche nicht mehr zu saufen, dachte Mack. Mich suchen die Gespenster nüchtern heim. Er wandte das Gesicht fort von der Festhalle, in die er hinabgeschaut hatte, und drückte die Stirn gegen die Knie, um die Bilder zu verscheuchen.
Das Lied des Tods verstummte augenblicklich. Es war niemals erklungen. In dem muffigen Saal unterhalb des Balkons, auf dem er sich ein Plätzchen gesucht hatte, trugen Knechte Schragengestelle für das Festmahl hinein. Sie brüllten einander Anweisungen zu und beschwerten sich lauthals über das Holz, das voller Späne war, die sie sich in die Haut rissen. Eine Frau mit einem scharfen Kleibergesicht nuschelte vor sich hin, während sie einen Riss im Wappentuch des Hausherrn ausbesserte. Jemand rief um Hilfe, weil er es nicht schaffte, das Feuer unterm Schlot in Gang zu bringen. Der einzige, der sang, war Marcabrus, der wie ein Gockel durch die Halle spazierte und mit seiner brüchig gewordenen Stimme den Platz zu finden suchte, an dem das Spiel seiner Musikanten am besten zur Geltung kommen würde.
Mack rutschte ein Stück zurück, als der alte Mann sich dem Balkon näherte. Die Töne, die Marcabrus aus der Kehle quetschte, machten ihn nervös, so wie ihn alles in dieser verdreckten, rattenverseuchten Burg nervös machte. Der Tod! Wär´s nicht so traurig, er hätte gegrinst. Der Tod brauchte nicht in einer Zollburg am Ende der Welt mit den Knochen zu klappern. Er spielte zu des Kaisers Strafgerichten in Sizilien auf, wo ihm das Volk in Hundertschaften folgte. Hier wurde man vom Mief des Winters erstickt.
„Mack!“, wisperte ein Stimmchen. Er seufzte und schlug die Stirn erneut gegen die Knie.
Das Mädchen, das durch einen Vorhang zu ihm hinter die Balustrade geschlüpft war, kicherte, als es sich zwischen ihn und die Wand quetschte. „Ich habe dich gefunden“, gab sie überflüssigerweise zu verstehen. Ihre Hand rutschte in die Beuge zwischen seinem Bauch und seinen Oberschenkeln, und einen Moment fragte er sich, ob sie lüsterne ...
Aber nicht Lisette. Sie war zwar fast erwachsen – zwölf oder dreizehn Jahre alt – aber ihr Körper und vor allem ihr Geist waren die eines sehr viel jüngeren Kindes. Er fand das bestätigt, als sie ihn ungeschickt in die Bauchfalte kniff.
„Du versteckst dich immer.“
„Vor den kleinen Quälgeistern, die mich verfolgen, ja.“
„Du versteckst dich, weil du Angst wegen dem Wettsingen hast“, widersprach Lisette und kniff ihn erneut. Sie lachte, als er ihre Hand beiseite schob. „Giraut sagt das. Du hast Angst, weil du dich diesmal mit richtig berühmten Sängern messen sollst. Wusstest du, dass einer Spielmannsgraf in Arras war? Giraut sagt, du hast allen Grund zu zittern, weil deine Musik neben seiner wie Katzenjaulen klingt. Liebst du mich, Mack?“
„Ich finde dich grässlich.“
„Weil ich so klein bin?“
„Weil ...“ Er musste lachen und fuhr ihr durch das ungekämmte Haar, das sich in Locken um ihr pausbäckiges Gesicht kringelte. „Es schadet nichts, klein zu sein.“
„Giraut sagt, ich krieg nie einen Mann.“
„Brüder sagen solche Sachen zu ihren Schwestern. Das macht ihnen Spaß. Aber sie meinen es nicht so.“
„Heiratest du mich?“
„Damit ich ständig blau gekniffen bin?“
„Ich muss ja nicht kneifen.“ Sie schmiegte sich an ihn. Wenn er sie in die Arme genommen hätte, hätte sie sich in seinem Schoß zusammengerollt wie ein Kätzchen, davon war er überzeugt. „Du singst schöner als alle, Mack. Giraut ist nur neidisch. Bevor du zu uns gekommen bist, war er Marcabrus Liebling.“ Sie überlegte. „Mama sagt, Marcabrus sollte sich besinnen, wer seine Familie ist. Aber ich mag dich auch lieber. Du bist so lustig.“
„Du bist auch lustig. Die Leute lachen sich krumm, wenn du dein Schweinchen springen lässt.“
„Dann heirate mich. Ich kann mit den Hüften tanzen, wusstest du das?“ Sie plapperte weiter, während Mack wieder durch die Geländerstreben lugte.
Marcabrus hatte die Stelle gefunden, die ihm am besten behagte. Er begann eines der Lieder zu singen, mit denen er früher die Zuhörer hingerissen hatte – und musste schon nach wenigen Tönen wegen eines Hustenanfalls abbrechen. Wie Schläge mit einem verrosteten Schwert. Der Glanz ist dahin, er sollte das lassen, dachte Mack.
In seinem Kopf echote dieser Gedanke wie ein Wort, das in einen Talkessel gerufen wird. Wie Schläge mit einem Schwert. Schläge mit ... Schläge mit ... Mack krümmte sich plötzlich nach vorn, und Lisette blickte ihn erstaunt an.
„Was ist? Kannst du nicht mehr sitzen?“
Der Tod kehrte in den Raum zurück. Es war, als führe eine Windbö durch die staubige Luft, die den Frost und eisiges Wetter herein trug. Mack blinzelte.
„Sieh mal!“ Lisettes bohrte ihr Knie in seine Leiste, als sie über ihn hinwegkroch und ihr Gesicht gegen die Holzsäulen quetschte. „Die anderen Spielmänner sind gekommen.“ Sie kicherte. „Er hat einen richtigen, lebendigen Vogel, sagt Giraut. Der mit der gelben Mütze. So einen wie Lasterbalg. Kannst du dich an ihn erinnern? Er hat Mama gehört.“ Sie wartete auf keine Antwort. „Ich musste die ganze Nacht weinen, als sie ihn an die Scheune genagelt ... Was ist, Mack?“
Er hatte sie von seinem Schoß geschoben und kniete nun selbst hinter den Säulen. Der Mann mit dem Vogel interessierte ihn nicht. Nervös spähte er durch den Raum. Die Frau, die das Wappentuch geflickt hatte, gab einem Halbwüchsigen Anweisungen, wie er es an der Fahnenstange befestigen sollte. Der Mann mit dem Feuer mühte sich noch immer vergeblich und schlug Feuersteine gegeneinander.
„... bringen vielleicht einen Bären mit. Bären mag ich, aber nur wenn sie nicht zu dicht ...“
Mack legte dem Mädchen die Hand auf den Mund.
Zwei Spielmänner standen vor Marcabrus und schienen mit ihm in ein Gespräch vertieft zu sein. Sie trugen die bunten, mit Glöckchen versehenen Zipfelröcke, die beim Publikum am sichersten Aufmerksamkeit weckten. Einer war zusätzlich in einen Pelzumhang gewickelt. Er zupfte ihn vor der Brust zusammen, als verspüre er ebenfalls den eisigen Luftzug. Von ihren Schultern hingen Felltaschen, in denen sie ihre Instrumente verstaut hatten. Gewöhnliche Musikanten, wahrscheinlich ebenfalls auf dem Weg nach Cividale, wo der Patriarch von Aquileja den berühmten Musikantenwettstreit ausrichtete. Vom Tod war kein Knöchelchen zu sehen.
Alles Dreck, fluchte Mack still und lehnte sich gegen die Wand zurück.
Lisette kletterte auf seinen Schoß zurück. Sie nahm seinen Kopf zwischen die beiden pummligen Hände. „Ich kann, was Männer glücklich macht.“
„Du kannst eins auf den Hintern ...“
„In der Stadt mit der großen Brücke hat ein Trommler mich in seinen Wagen gezogen. Ich weiß, wie´s geht.“
Er war einen Moment sprachlos. „Du ... du verschwindest jetzt und hilfst deiner Mutter.“
Lisette zog einen Schmollmund. „Du verschwindest jetzt ...“, äffte sie ihn nach. „Pah! Ich will gar nicht heiraten. Ich werde einmal die Begleiterin von einer Prinzessin, wie Alheit, die Fiedlerin. Dann esse ich den ganzen Tag Honigkü... Autsch! Du tust mir weh.“
Mack hatte sie wieder von seinen Beinen gestoßen. Er starrte in den Saal, in dem es langsam dunkel zu werden begann. Das Feuer war endlich in Gang gekommen. Flammen züngelten aus dem feuchten Holz und fauchten in den Schlot hinauf. Angespannt blickte er sich um. Der Herr der Burg Mels, ein zartgliedriges, schnakenhaftes Männlein, das durch ein Zollprivileg reich – und stolz – geworden war, rief jemanden mit einem Kopfnicken zu sich, der sich außerhalb von Macks Gesichtskreis befand. Der Heranbefohlene trat heran. Ein weiterer Spielmann, dieser aber ganz in Rot gekleidet. Sein Rock leuchtete, als hätte man ihn ins Feuer getaucht, und der Glanz der Flammen wäre daran haften geblieben.
„Der Spielgraf aus Arras“, wisperte Lisette. Marcabrus hatte sich zu der Gruppe gesellt. Er sagte etwas, eine kurze Bemerkung, die Mack nicht verstand. Von der Antwort des roten Mannes drang nur ein daunenweiches Lachen zu ihnen hinauf.