Leseprobe
 
 

Die Rückkehr der Schiffe


Kari mußte geschlafen haben. Oder wenigstens gedöst. Denn als die Schreie vom Jarlshof zu ihm herüberdrangen, zuckte er zusammen, und das Messer, mit dem er gespielt hatte, rutschte durch seine Hand und schnitt ihm in den Daumenballen.

Hastig preßte er die Wunde gegen die Lippen. Es war nichts als ein Ratscher, kaum zu spüren, aber er hatte schlecht geträumt, und die Stimmung dieses Traumes lag ihm wie ein bitterer Nachgeschmack im Mund. Müde rappelte er sich auf.

Die Sonne war vom Himmel verschwunden. Wolken hatten sich zusammengeballt, und über den grasbewachsenen Buckel von Birsay fegte ein scharfer Wind, der den Geruch des nahen Winters trug. Das Meer spuckte und toste um die Insel. Es war, als wolle es daran erinnern, daß der Sommer vorüber war - und jedenfalls nicht der rechte Zeitpunkt für ein Schläfchen im Freien.

Kari verzog das Gesicht. Ungeduldig wischte er die langen, blonden Haare aus der Stirn. Er neigte nicht zu Hirngespinsten, aber dieser Traum war - wie ein Alb gewesen. Ein böser Geist, der ihn mit dürren Fingern in einen Strudel aus Angst und Hilflosigkeit gezerrt hatte. Und es war schwer, da wieder hinauszukommen, obwohl der Wind die düsteren Gedanken aus seinem Kopf zu blasen versuchte.

Er bückte sich nach dem Wollumhang, auf dem er gelegen hatte, zog ihn um die Arme und befestigte ihn mit der Gewandspange über der Schulter. Es war wirklich kalt geworden. Der Wind ging bis auf die Knochen. Nach Regen sah es auch aus.

Wieder hörte er das Rufen vom Hof.

Einige Männer und Frauen liefen durch die kahlen Gemüsegärten, andere streckten die Köpfe aus den Türen. Die Knechtssöhne, die neben dem Badehaus Holz zerkleinert hatten, ließen Axt und Scheite fahren und rannten hinter den Erwachsenen her zur Küste, wobei einer von ihnen, ein kleiner Kerl mit feuerroten Haaren, alle paar Schritt über die eigenen Füße stolperte.

Was die Leute riefen, war nicht zu verstehen. Kaum ein Dutzend Schritt vor Kari brach das Land ins Meer hinab, und die Wogen, die unter ihm gegen die Steilküste donnerten, schluckten den Hall ihrer Worte. Aber ihm kam eine Ahnung, oder besser, eine Hoffnung. Und richtig: Als er die Hand über die Augen legte, entdeckte er im Westen am Rand des Horizonts mehrere Schiffe, kleine, übermütige Dinger, die auf den silbrigen Wellen tanzten.

Sie kamen also heim.

Kari kniff die Augen zusammen, um sicher zu sein. Ja, elf Boote konnte er zählen, schnittige Drachenschiffe mit hochgezogenen Bug- und Achtersteven, wie man sie zur Heerfahrt benutzte, und sie trugen die rechteckigen rot-weiß gestreiften Segel der Männer der Orkaden. Wenn man genau hinsah, konnte man sogar die Raben erkennen, die in die Mitte der Segel eingefärbt waren: Jarl Sigurds trotziges Bekenntnis zu Odin und den alten Göttern.

Erleichtert pfiff Kari durch die Zähne. Sein Vater, der Jarl, war ein mächtiger Mann. Er fuhr sturmfeste, zähe Schiffe. Seine Männer waren tapfer, und die Waffen, die sie in den Schlachten führten, kamen aus den besten Werkstätten des Rheinlandes. Aber wie man es auch drehte: Heerfahrt war ein gefährliches Geschäft. Und es freute ihn, daß keines der rotweißen Boote auf See geblieben war.

Er bückte sich, steckte sein Messer in den Ledergurt und rannte zum Jarlsgehöft. Dort hielt er sich gar nicht erst auf, sondern lief weiter, an den mit Grassoden bedeckten Langhäusern und Ställen vorbei, und dann den steinernen Hang hinab, der die Insel, auf der sie wohnten, nach Osten hin begrenzte. Birsay, der Wohnsitz des Orkadenjarls, war eine Gezeiteninsel. Bei Flut wurde sie meist von der Hauptinsel Ross abgeschnürt, aber wenn es Ebbe war, wie gerade jetzt, konnte man trockenen Fußes über das Steinbett nach drüben gelangen.

Kari war der erste, der den kleinen Hafen mit den hölzernen Anlegestegen und den Werftschuppen erreichte, aber er blieb nicht lange allein. Die Rückkehr der Kriegsschiffe hatte sich in Windeseile herumgesprochen. Frauen, Kinder, Sklaven und auch ein paar der älteren Bauern fanden sich ein, die heimkehrenden Krieger zu begrüßen. Von Birsay kam eine ganze Menschentraube den Hang hinuntergeklettert.

Suchend reckte Kari den Hals. Aber Pantula, die schottische Prinzessin, die sein Vater vor wenigen Jahren geheiratet hatte, war zwischen den Leuten nicht zu entdecken. Er unterdrückte einen Seufzer. Wahrscheinlich gab es Gründe, warum seine Stiefmutter nicht zum Hafen kam. Vielleicht war sie irgendwo auf Krankenbesuch. Aber der Jarl würde sich darüber ärgern. Dabei war Pantula gar nicht so verkehrt. Seit sie auf Birsay lebte, wurde ordentlich gewirtschaftet, wer krank war fand Pflege und... es war alles irgendwie freundlicher geworden. Nur mit Jarl Sigurd kam sie nicht zurecht. Vielleicht war das aber auch gar nicht ihre Schuld. Sie war Christin - und das war ein Fehler, den Sigurd nur schwer verzeihen konnte. Seit Olaf Tryggvason, sein Lehnsherr, ihn mit dem Schwert zur Taufe gezwungen hatte, loderte in ihm der Groll gegen das Kreuz. Kari dachte mit Schaudern an den Auftritt, den es gegeben hatte, als Pantula an ihrem ersten Abend auf Birsay ein goldenes Kruzifix an den Nagel über das Bett gehängt hatte.

"Junge, was soll denn das? Ein Gesicht wie auf saure Gurken gebissen!" Der alte Ivar Hakenfuß hatte sich zu Kari gesellt und pochte mit dem Stock auf das Holz der Landungsbrücke. Sein dürrer Körper krümmte sich in stummem Lachen. "Ist ein jämmerliches Ding, zwischen den Weibern rumzustehen, he?" Er stieß ihn gutgelaunt in die Seite. "War auch blöd von dir. Rennst in ein Haus, in dem es lichterloh brennt und das Gebälk herunterkracht. Sag ich ja - gierig, aber dabei nicht mehr Verstand als der ausgekratzte Schädel, aus dem Sigurd seinen Wein schlürft. So seid ihr jungen Leute."

Kari kehrte ihm brüsk den Rücken, und Ivar kicherte.

"Kein Grund, beleidigt zu sein. Wird nicht das letzte Mal gewesen sein, daß Sigurd auf Kriegsfahrt geht. Zeit genug, sich den hübschen Leib zusammenprügeln zu lassen..." Er brach ab.

Das erste Schiff, das Boot des Jarls, bog in die Hafenbucht ein und steuerte den Steg an. Wie ein wildes Tier, dachte Kari. Es kämpfte sich durch die Brandung, man meinte, das Holz ächzen zu hören, und es dauerte eine ganze Weile bis es, bezwungen vom Steuerruder und der Kraft der Riemen, zwischen die beiden Anlegestege glitt. Kari schlug das Herz schneller, als der mächtige, in einen Rabenkopf endende Vordersteven an ihm vorüberschwebte. Hinter der Schiffswand tauchten Köpfe auf, Grüße flogen zum Ufer. Die Lindenschilde mit den buntbemalten Kampfbildern, die die Männer übers Dollbord gehängt hatten, schwankten im Rhythmus der Wellen. Und jetzt, einen kleinen Moment lang, fühlte Kari tatsächlich etwas wie Neid, daß er an der Fahrt nicht hatte teilhaben können. Das Schiff seines Vaters, der Rabe von Ross, war gigantisch. Ein Triumph der Schiffsbaukunst. Sie hatten ihn den Schrecken der irischen See genannt, und genau so mußte er den Leuten, an deren Küste er gelandet war, auch vorgekommen sein.

Kari drehte den Kopf. Sein Vater stand vorn im Bug des Raben, die grauen Locken wehten im Wind und der rotgoldene Umhang blähte sich gegen das Steuerruder. Er hatte die Hand auf die Bordwand gelegt und sprach mit Amundi, dem Stevenhauptmann. Worte waren nicht zu verstehen, aber selbst auf die Entfernung konnte man sehen, daß es kein freundliches Gespräch war. Amundi nickte mürrisch auf schroffe Bemerkungen, während er gleichzeitig versuchte, sich auf die Anlandung zu konzentrieren. Das Schiff war nur noch einen knappen Meter vom Steg entfernt, und Kari konnte die Ärgerkniffe um seinen Mund sehen. Was bei Odin war schiefgelaufen? Amundi war kein Mann, der sich über ein Nichts erregte.

Die Steuerbordruderer hoben die Riemen, und der letzte Schwung trug das Jarlsboot bis zum Steg. Es gab ein häßlich knirschendes Geräusch, als es an den Bohlen entlangschabte. Kari sah, wie Amundi gereizt mit der Faust auf die Reling schlug. Seine Flüche brachten noch einmal die seeseitigen Ruder in Aktion. Amundi haßte es, wenn seine geliebten Boote mißhandelt wurden. Aber der Jarl schien das ungeschickte Landungsmanöver kaum zu bemerken. Er schätzte den Spalt zwischen Boot und Steg, und sobald es gewagt werden konnte, sprang er an Land.

Die Leute johlten ihm entgegen; der alte Bue Hartlippe und sein Bruder Sven hoben die bronzenen Luren und bliesen ihren Willkommensgruß. Aber beides, Geschrei und Musik, verstummten bald - Jarl Sigurd zeigte seinen Orkadiern ein steinernes Gesicht. Ohne Gruß marschierte er an ihnen vorbei, den Steg hinunter und geradewegs zu dem Geröllhang, der nach Birsay führte.

Kari zögerte - und entschied, daß es nicht der rechte Zeitpunkt sei, den Vater zu begrüßen. Irgendetwas mußte passiert sein, auch wenn auf den Schiffen nichts zu erkennen war. Die beiden nächsten Boote hatten bereits an den Stegen festgemacht, und sie schienen alle vollständig besetzt zu sein, genau wie der Rabe. Im Jarlsboot, wo sie die Luke zum Unterdeck geöffnet hatten, begann man, Kisten und dickbäuchige Fellsäcke durch die Öffnung zu hieven. Die Orkadier mußten mit ihrem Raubzug also Erfolg gehabt haben.

Kari ließ Ivar stehen. "Gibt es Verwundete?" rief er fragend dem Stevenhauptmann zu. Amundi suchte ihn unter den arbeitenden Männern und schnitt ein Gesicht. Er schwang sich übers Dollbord und kam zu Kari herüber. "Sven Gabelhals hat einen Hieb ins Bein bekommen, und dem weißen Harald haben sie in Wexford die Schulter weggehauen. Wir haben sie in Dublin zurückgelassen. Sonst hat's nur Schrammen gegeben."

"Und reichlich Beute habt ihr auch geholt", stellte Kari fest.

Amundi nickte mürrisch.

"Und deshalb seid ihr alle so guter Stimmung."

Der Stevenhauptmann musterte den Sohn seines Jarls und verzog die Lippen zu einer Grimasse des Zorns. "Sicher!" Ein Sack landete vor seinen Füßen, und er gab ihm einen Tritt, daß er mehrere Meter weiterflog. "Oh ja, großartig ist die Stimmung. Unvergleichlich. Und die beste hat dein Vater. Klar, wo er sich einbildet, ihm wäre gerade das Königreich von Irland durch die Lappen gegangen." Seine faltigen Wangen glühten vor Wut oder Verzweiflung oder was immer ihn quälte, und er sprach so laut, daß einige der Männer, die das Schiff ausluden, verwundert die Köpfe drehten. Kari nahm den Stevenhauptmann beim Arm und bugsierte ihn vom Steg hinab zum Werfthaus. Er konnte Amundi gut leiden und wollte nicht, daß er Ärger bekam. "Also erzähle. Was ist los? Was ist in Irland passiert?"

"Ein Mistdreck. Das ist passiert!" Amundi ließ sich krachend auf einem Holzblock nieder. "Und wieder ist es ein Weib. Immer wenn es richtig tief in den Dreck geht, dann ist es ein Weib. Merk dir das, Kari. Du kannst dir ein Heer von Mordbrennern holen, und sie können keinen Schaden anrichten, wie ein einziger ränkespinnender Weiberrock. Irland, verdammt! Was will er in Irland?"

"Keine Ahnung. Was will er denn dort?"

Amundi stierte ihn bei den sanften Worten gereizt an. "Das ist kein Spaß, Kari Sigurdson. Laß dir das klar sein. Versuch auch nicht, es so hinzustellen. Besonders nicht vor deinem Vater. Er ist verrückt. Wie besessen ist er!"

"Nach einem Weib?"

"Oder nach der Krone von Irland. Wer kann das sagen." Amundi schwieg, brauste aber gleich wieder auf. "Äh, natürlich! Ich kann es sagen. Es ist das Weib. Gormflath, die Verfluchte mit ihren samtenen Augen und dem Seidenhaar. Sie hat ihn verhext. Irland! Daß ich nicht lache. Wie will er das Land beherrschen, hier von den Orkaden aus? Sie haben einen Misthaufen voller Könige dort drüben, und jeder hat das Hirn voller Aufruhr. Sie sind..."

"Wer ist das - Gormflath? Was hat die Frau mit Irland zu tun?"

"Oh, das will ich dir sagen! Sie ist der Teufel von Irland. Sie..."

Ein Mann kam von den Schiffen herüber und brachte einen Arm voller Werkzeuge ins Bootshaus. Amundi wartete, bis er wieder verschwunden war. "Ich werd's dir erklären, Kari", sagte er eine Spur leiser, , denn hören wirst du sowieso davon. Sie war das Weib von Olaf Kwaran, dem Norweger, der vor fast vierzig Jahren über Dublin herrschte."

"Dann muß sie schon uralt sein", unterbrach ihn Kari.

Amundi warf ihm einen ungnädigen Blick zu. "Sie ist knapp über fünfzig, und das ist durchaus nicht alt. Und für diese Hexe schon gar nicht. Wenn du sie siehst - und ich habe sie gesehen -, dann gibst du ihr nicht mehr als dreißig, höchstens fünfunddreißig Sommer. Ihre Haut ist glatt, als hätte Loki selbst sie gestriegelt, und ihre Augen glänzen wie bei einer jungen Kuh. Sie ist - vollkommen. Jedenfalls in dem, was die Natur einem Weibe schenken kann. Aber in allem, was sie selbst hervorbringt, ist sie wie ein stinkender Haufen Mist. Olaf Kwaran, ihr Mann, ist von den Iren davongejagt worden. Und kaum war er fort, da hat sie sich dem Sieger Malachy Ui Niell an den Hals geworfen. Kennst du Malachy, Junge?"

Kari schüttelte den Kopf.

"Es ist bei den Iren anders als bei uns. Sie haben Hunderte von Königen. In jedem Nest einen anderen. Aber einer von ihnen ist ihr Hochkönig. Und das war bis vor einigen Jahren Malachy, der König des Nordens. Ein verflixt schlauer Hund! Schlau jedenfalls, bis er das Weib getroffen hat. Er hat sie geheiratet."

"Gormflath?"

"Sag ich doch. Sie hat ihn mit ihrem Seidenhaar umgarnt, bis sie ihn in den Fängen hatte. Aber er hat sie davongejagt, als er raushatte, was für eine Hexe sie ist. Und was hat sie da getan? Nachgegeben? Sich in ihr Schicksal gefügt? Oh nein! Den König von Munster hat sie sich geangelt. Brian Boru, den Held des Südens, wie sie ihn nennen, Malachys Rivalen ums Hochkönigtum. Ein gestandener Mann war das damals schon. Ein Kerl, wild wie die Sturmflut, schlau, verwegen, er hat die Dänen aus Limerick verjagt. Aber diesem Weib ist er aufgesessen wie Olaf und Malachy vor ihm. Er hat sie geheiratet, und ihren Sohn Sitric hat er als Herrscher von Dublin eingesetzt. Er hat ihn über dasselbe Dublin gesetzt, das die Iren seinem Vater Olaf gerade zwanzig Jahre zuvor abgerungen hatten. Begreifst du, was das für ein Weib ist? Sie zaubert, Kari. Sie ist eine Hexe. Ich schwöre es dir!"

Kari sah, wie hinter den festgemachten Booten ein weiteres Segel auftauchte, das letzte von Jarl Sigurds Schiffen. Er konnte es nicht genau erkennen, aber er meinte, neben dem Steuermann seinen Bruder Einar stehen zu sehen. Der Kleine mußte sich tapfer geschlagen haben, wenn sie ihm die Führung eines Bootes anvertraut hatten.

Amundi stieß ihn mit dem Ellbogen. "Brian hat die kleine Teufelin aber auch nicht ertragen können. Er hat sie davongejagt."

"Dann muß es wirklich schlimm mit ihr sein." Kari lehnte sich gegen die Bohlenwand des Werfthauses und beobachtete Einars Anlegemanöver.

"Ist es auch! Man muß sich vor ihr hüten wie... wie vor der Göttin von Hel. Weißt du, was sie vorhat?"

"Die Göttin?"

"Gormflath, du Narr!" Amundi packte Kari beim Arm und schüttelte ihn. "Nun hat sie es auf deinen Vater abgesehen! Mit Sigurds Hilfe will sie sich an ihren beiden Männern rächen. Sie hat ihm Irland angeboten. Verstehst du? Sie will die große Schlacht. Die irischen Wikinger hat sie bereits aufgehetzt. Aber die allein würden es nicht schaffen, gegen die Männer von Irland zu siegen. Sie braucht noch mehr Hilfe. Und die will sie von Sigurd. Er soll nach Dublin kommen und Malachy und Brian schlagen. Das ist ihr Plan. Und sein Lohn soll das Gold von Irland sein."

"Hm." Kari neigte den Kopf. "Wäre das denn so ein schlechtes Angebot? Wie viele Männer können die Iren aufbringen?"

"Ach, Junge, du begreifst gar nichts!" Jetzt wurde Amundi wirklich ärgerlich. "Denkst du im Ernst, ein Weib wie Gormflath würde sich an ihr Wort halten? O ja, kämpfen lassen würde sie uns. Aber danach? Sie hat einen Sohn, der nach ihrer Melodie tanzt. Den will sie über Irland sehen, aber keinen Orkadenjarl. Sie wird Sigurd betrügen. Ich verwette meinen Hals dafür!"

Kari zuckte die Schultern. Vielleicht hatte Amundi Recht, vielleicht auch nicht. Es spielte keine Rolle. Jarl Sigurd ließ sich von niemandem dreinreden. Und er war ein schlauer Fuchs. Wenn Sigurd meinte, Gormflaths Irland sei ein gutes Geschäft...

"Warum ist er eigentlich so ärgerlich?" Das fiel ihm erst jetzt wieder ein. Sein Vater hatte nicht ausgesehen wie einer, der sich auf Beute freut. "Ich meine Sigurd. Warum ist er..."

"Weil sie ihn sitzengelassen hat!" Endlich wußte Amundi Erfreuliches zu berichten. "Das Weib hat ihn auflaufen lassen. Sie hat ihn zu einem Treffpunkt bestellt, in der Nähe von Dublin, am Tag vor Allerheiligen. Es sollte geheim bleiben, und deshalb hatte sie einen einsamen Platz als Verhandlungsort abgemacht. Aber sie ist nicht erschienen." Er lächelte triumphierend.

"Und dann?"

"Wir haben gewartet. Einen halben Tag lang, bis zum Mittag."

"Warum nicht länger?"

Amundi pfiff schlau durch die Lippen. "Dein Vater mag verrückt nach diesem Weibe sein, aber er ist auch verrückt mit seiner Ehre. Ist es etwa keine Kränkung, den Jarl der Orkaden warten zu lassen? Ist das etwa keine Beleidigung? Noch dazu von einem Weib? Genau das habe ich Sigurd gefragt - und da wußte er keine Antwort mehr."

Kari unterdrückte ein Grinsen. Kein Wunder, daß sein Vater wütend war. Er blickte zu den Schiffen.

Die Lasten waren schon zu einem guten Teil ausgeladen, und die Männer und Frauen machten sich daran, die Irlandbeute nach Birsay zum Jarlshof hinüberzutragen. Sie mußten sich beeilen, denn die Flut lief auf. "Wirst du heute abend drüben bei uns feiern?" fragte er. "Ihr habt reiche Beute heimgebracht, Amundi. Es wäre angemessen, den Göttern zu danken."

"Es wäre angemessen, einmal auszuschlafen", knurrte der Stevenhauptmann. "Ich bin kein Hüpfer mehr wie du."

"Das könnte Sigurd aber übelnehmen. Er sieht es nicht gern, wenn seine Männer sich absondern. Und du bist sein Stevenhauptmann."

Amundi spuckte aus. "Vielleicht hast du Recht. Mich kratzt das jedenfalls nicht. Ich bin zu alt, mich vor dem Wind zu biegen." Er erhob sich und deutete zu dem letzten Schiff, das angelegt hatte und aus dem sie jetzt die Ladung zu heben begannen. "Aber du bist jung, Kari, und du solltest dir Gedanken machen. Über deinen Bruder Einar nämlich. Er ist vier Jahre nach dir geboren, gerade eben fünfzehn Jahre alt, und hat doch schon sein erstes Boot in die Heerfahrt geführt. Er redet über dich, Kari - ich will, daß du das weißt. Einar hat eine scharfe Zunge, und er nutzt sie, den Leuten Würmer in die Köpfe zu setzen. Einige fragen sich, ob deine Schulterwunde wirklich so schlimm war, dich von der Heerfahrt abzuhalten."

"So, tun sie das?" Kari löste sich von der Schuppenwand.

"Ja. Und sie sagen sogar..."

"Dann laß sie reden." Das Gespräch gefiel ihm nicht mehr. Er wollte zum Steg hinüber und den Männern zusehen. Aber Amundi hielt ihn am Arm fest.

"Beim Hammer Thors - du bringst mich auf! Hast du denn nicht zugehört? Dein verfluchter Bruder, den sie Einar Schiefmaul nennen - und zwar nicht nur seiner häßlichen Fratze wegen..."

"Laß das, Amundi." Auch Kari konnte energisch werden, wenn er wollte. "Einar ist mein Bruder, genau wie du gesagt hast. Und ich hör's nicht gern, wenn über meine Familie Schmutz geredet wird. Mehr hab ich dazu nicht zu sagen. Und jetzt gehe ich, ihn zu begrüßen, und du Amundi, du solltest dir überlegen, ob du den Abend nicht doch lieber auf Birsay verbringen willst."

Mit diesen Worten ließ er den Stevenhauptmann stehen. Er wußte, daß er ihn gekränkt hatte, aber es ging nicht an, daß über seinen Bruder gelästert wurde. Einar war jung, und die Götter hatten ihn mit einem häßlichen Gesicht geschlagen. Außerdem hatte er ein aufbrausendes Temperament - kein Wunder, daß er nicht eben beliebt war. Aber bei aller Hitzköpfigkeit hatte er doch immer mit sich reden lassen, und meist taten ihm seine Dummheiten schon leid, bevor ihn noch die Folgen erreichten. Er war ein guter Kerl, mit der Zeit würde er schon zur Ruhe kommen.

Das war Karis Ansicht, und mit diesen Gefühlen machte er sich auf zum Boot.


Einar stand noch immer im Bug des Drachenschiffes. Er hielt sich mit einer Hand an der Reling, während er den Männern Order zurief. Er sah wirklich noch jung aus, wie er so dastand, dachte Kari. Sein Bart begann gerade erst zu sprießen, und die Natur hatte ihn mit einer seltsam hohen Stimme versorgt, so daß er wie ein übereifriges Kind wirkte, als er seine Befehle schrie. Einar Sigurdson hatte es wirklich nicht leicht.

"Habt ihr noch viel auszuladen?" rief Kari ihm zu. Die Nacht begann sich aufs Meer zu senken. Es wurde Zeit, daß sie fertig wurden.

Einar blickte zu ihm und schüttelte den Kopf. Eigentlich hätte er den Rest der Arbeit auch dem dicken Sven überlassen können, aber er konnte sich wohl von dem Schiff nicht lösen. Kari gähnte und zog er die Schultern hoch. Der Wind blies jetzt direkt von vorn, und ihn begann zu frösteln. Dennoch zögerte er zu gehen. Einar hatte sein erstes Kommando hinter sich, dazu sollte man ihm gratulieren. Trotz oder gerade wegen der Dinge, die Amundi erzählt hatte. Es war nicht richtig, wenn in der Familie Uneinigkeit herrschte.

Einer der Männer, ein Bauer aus Rousay, schleppte einen Samtballen zum Bordrand, und Kari nahm ihm das Gepäck ab. "Ist noch viel im Schiff?" fragte er.

Der Mann kletterte schwerfällig über den Bootsrand und schüttelte den Kopf. "Nur noch Sklaven." Weiter mochte er sich nicht auslassen. Er war schon älter und wahrscheinlich froh, endlich nach Haus ans Feuer zu kommen. Stumm lud er sich den Ballen auf die Schultern und begann den mühseligen Weg hinüber nach Birsay. Kari sah, daß das Wasser ihm schon über die Waden spülte. Es wurde Zeit, den Tag zu beenden.

Ein jaulender Laut zog seine Aufmerksamkeit wieder zum Boot. Sie zerrten eine Gestalt aus der Luke, und eine zweite wankte, von Knüffen getrieben, auf die Bordwand zu. Zwei Männer hatten sie also mitgebracht. Oder vielmehr - einen Mann und einen Knaben. Denn der, den sie gerade aus dem Loch gehievt hatten, sah noch jünger als Einar aus. Sein Gesicht war bartlos, und seine Glieder dürr und ungelenk. Halbblind von dem plötzlichen Licht und behindert durch die Fußfesseln stolperte über die Planken.

Die Männer an Bord machten nicht viel Umstände mit ihrer menschlichen Fracht. Sie stießen die beiden einfach über die Reling, und hätte Kari nicht schnell zugegriffen, wäre der Knabe vielleicht sogar in den Spalt zwischen Boot und Steg gefallen.

Mit den Sklaven schien der Laderaum endgültig geleert zu sein. Einar gab den Befehl zum Schließen der Luke und verließ das Boot, und jetzt nahm er endlich auch Notiz von dem Bruder. Sein häßliches Gesicht begann zu strahlen.

"Wir haben die Schiffe bis oben hin vollbekommen, Kari. Wenn wir noch Platz gehabt hätten, hätten wir doppelt soviel laden können. Skrälinge sind das in Irland. Duckmäuser. Denen kannst du alles wegnehmen, als wären's Kinder." Er gab dem jüngeren Sklaven, der das Pech hatte, in seiner Reichweite zu sein, einen gutgelaunten Tritt. "Jeden zweiten Tag waren wir woanders. Immer bei einem neuen Kloster oder einer anderen Siedlung. Und überall sind sie gelaufen wie die Hühner, sobald sie unsere Segel erblickten."

"Und du hast dein eigenes Schiff geführt, wie ich sehe."

Einar grinste stolz. "Ja, das hab ich. Und so wird es auch bleiben. In Monasterboice war ich sogar noch vor dem Jarlsschiff am Strand. Als erste sind wir zum Kloster hoch und als erste haben wir es eingerannt, stimmts, Grizur?"

Der Angesprochene, ein älterer Mann, der sich mit einem Bündel abplagte, zuckte die Achseln. "Haben wir wohl - und es hat dem Jarl auch mächtig gefallen." Die letzte Bemerkung klang seltsam und schien eine Bedeutung zu haben, denn das Leuchten verschwand aus Einars Gesicht. "Scher dich weg und sieh zu, daß du überhaupt noch mal mitkommen darfst", knurrte er grob.

Der Mann nahm es wörtlich und machte sich in Richtung Bootswerft davon. Überhaupt schienen es alle sehr eilig zu haben fortzukommen. Vielleicht hatte Einar beim Rauben Geschick, aber im Umgang mit seinen Männern schien ihm keine gute Hand gegeben.

"Neidhammel, alle nur neidisch!" murrte er böse.

"Heute abend wird es ein Fest für euch geben." Kari versuchte ihn aufzumuntern, aber es war vergeblich. Einars Laune schlug so schnell um, wie das Wetter auf Ross, und war genauso unbeständig. Barsch packte er den Sklaven - den jüngeren, dem noch der Bart fehlte - beim Kragen und stieß ihn vor sich her. Der Ältere war schon vom Steg heruntergehumpelt und hatte den Kopf in einen Wassereimer gesteckt, wo er soff wie ein durstiger Ochse.

"Was willst du mit den beiden? Sollen sie auf dem Hof arbeiten?" fragte Kari, um das Gespräch nicht abbrechen zu lassen.

"Meinetwegen können sie krepieren!" Erbittert gab Einar dem gefesselten Jungen einen neuerlichen Tritt, der ihn vom Steg herab bis ins Gras beförderte. "Ich bin der Beste gewesen, verstehst du? Auch beim Kämpfen. Aber sie sind alle neidisch. Immer machen sie einem Vorhaltungen. Sie wollen nicht sehen, daß einer klüger und tapferer ist als sie. Sie sind... Mistkerle sind sie alle!" Er war wieder hinter dem Jungen und holte zu einem weiteren Tritt aus, aber diesmal hielt Kari ihn fest.

"Nun laß ihn doch schon. Was soll er dir nutzen, wenn du ihn halbtot..."

"Ist mir egal. Ist mir doch egal!" Einar raffte einen Schlegel auf, den jemand im Gras neben der Werft vergessen hatte, bitterböse wie ein gereizter Stier, und wollte sich erneut und diesmal gründlich über den Knaben hermachen. Der Junge kniff entsetzte die Augen zusammen.

Aber nun wurde auch Kari wütend. Er fiel Einar in den Arm und wand ihm den Knüppel aus der Hand. Es war schwerer als früher, sein Bruder hatte in den Wochen auf Heerfahrt an Kraft zugenommen, aber noch war er ihm überlegen, selbst mit der schmerzenden Schulter. "Es ist, bei Thors Hammer, nicht nötig, daß du deine Wut an Kindern kühlst", fuhr er ihn an. "Wenn du mit Männern Streit hast, dann prügel dich mit Männern und drisch nicht auf Sklaven ein!"

Natürlich war es töricht, was er tat. Hatte er nicht gerade zu Amundi von Familiensinn gesprochen? Und jetzt stritt er mit Einar - wegen eines Sklaven! Aber es war ja nicht nur der Junge. Es war... ach, Loki mochte wissen, was es war!

Kari holte Luft und gab den Bruder frei. "Laß es gut sein, Einar. Wir haben beide einen langen Tag hinter uns. Geh ins Haus und laß dir Wasser zum Baden heiß machen; ich kümmere mich um die Sklaven. Es war nicht meine Absicht, mit dir zu streiten..."

"Ja, vielleicht." Einar wich vor ihm zurück. Seine häßlichen dünnen Lippen zitterten, und er sog durch sie die Luft ein, als hätte er plötzlich Atemnot. "Vielleicht willst du ja wirklich nicht streiten, Bruder. Aber vielleicht..." Er begann zu schlucken, und sein Adamsapfel hüpfte vor Errregung. "Vielleicht würden manche ja auch denken, du bist einfach nur ein Skräling!"

Kari stand da und war so fassungslos, daß er sich nicht rührte. Er hatte gewußt, daß Einar manchmal eifersüchtig war, aber diese blödsinnige... diese gemeine, grundlose Anschuldigung...

Einar lachte schrill auf. Dann war er wieder still, und im nächsten Moment rannte er die Wiese hinab auf die Geröllbrücke zu. Mit rudernden Armen kämpfte er sich durch das mittlerweile kniehohe Wasser.


Die Sklaven waren es, die Kari aus seiner Betroffenheit rissen. Einer von ihnen, der ältere, begann zu schluchzen. Der Eimer, aus dem er getrunken hatte, war umgekippt und hatte ihm den Rock durchnässt, und nun saß er da, die Knie angezogen, den Kopf daraufgestützt, und wiegte sich und weinte leise vor sich hin.

Kari fuhr auf. "Halt den Mund!" schnauzte er den Mann an.

Der Gefangene schob die gefesselten Arme über die Ohren. Nicht trotzig, sondern wie... ein bejammernswertes Stück Elend auf der Flucht vor der Welt. Wahrscheinlich hatte er den Sinn von Karis Worten gar nicht begriffen, nur den ärgerlichen Tonfall, und der hatte ihn noch ängstlicher gemacht. Wenn er gekonnt hätte, wäre er zwischen den eigenen Knien verschwunden. Sie waren wirklich Skrälinge, diese Iren.

Der andere, der Junge, den Einar getreten hatte, rappelte sich mühsam auf. Er humpelte zu seinem Kameraden, wobei er über die lahmen Füße stolperte, sackte neben ihm ins Gras, legte die Hände auf die wimmernde Gestalt und stammelte, halb heulend, halb wütend: "Wenn ihr die Katze nicht jaulen hören mögt, warum ... warum prügelt ihr dann auf ihr herum?"

Nein, er heulte nicht, weil er sich fürchtete. Er war ausschließlich wütend. Seine Augen - sie waren so schwarz, wie Kari es noch nie gesehen hatte, von der Farbe des Rabengefieders - glühten vor Erbitterung. Es war, als knistere ein Feuer hinter den Pupillen. Der Junge blinzelte, vielleicht, weil Kari ihn so direkt anstarrte. Seine Unterlippe begann zu zittern.

Und Kari fiel ein, daß er ihm noch eine Antwort schuldig war.

"Wenn die Katze nicht geprügelt werden möchte", erklärte er gelassen, "dann muß sie eben aufpassen, wem sie vor die Füße läuft." So einfach war das nämlich. Er nickte in Richtung des Schuppens. "In dem Holzbottich ist Wasser. Trink dich satt. Aber beeil dich, ich hab´ keine Lust zu warten."

Er war sicher gewesen, daß der Junge nun klein beigeben würde. Seine Lippen waren vor Durst aufgeplatzt, und er hatte bestimmt nicht mehr zu trinken bekommen, als sein heulender Schicksalsgenosse. Doch er tat's nicht. Er hockte da, klapperte vor Kälte an allen Gliedern, die Tränen liefen ihm übers Gesicht, aber er machte keine Anstalten sich zu rühren.

Kari schüttelte den Kopf und seufzte. Er nahm das Messer aus dem Gürtel, durchschnitt dem Jungen die Fußriemen, zog ihn auf die Füße und stieß ihn von sich. Mochte Pantula sich mit ihm herumärgern. Der andere, der Heuler, begann entsetzt zu strampeln, als Kari nach seinen Füßen griff. Großartig! Was bildete er sich ein? Daß man ihn in handliche Stücke zerlegen würde zum Transport? Ungeduldig säbelte Kari an den Stricken. Er drehte sich zu dem schwarzäugigen Jungen um.

"Sag ihm, daß er den Mund halten soll. Und hör auf, mich anzustarren. Los, sag ihm, er soll aufstehen!"

Der schwarzäugige Junge bohrte die Zähne in die Unterlippe.

Es wurde dunkel. Noch immer flutete Wasser in die Bucht. Beim Gang durch die Furt würden sie sich totsicher nasse Hosen bis zu den Schenkeln holen. Es war ein verdammter, ein von den Göttern verfluchter Tag! Und jetzt, endlich, verlor auch Kari die Geduld. Er faßte den Widerspenstigen bei den Haaren, schüttelte ihn, brüllte seinen Kameraden an und trieb die beiden mit groben Stößen zur Furt hinunter. Er hätte sie eben doch Einar überlassen sollen - mitsamt dem Ärger, den sie machten.

Das Wasser packte die drei Menschen mit eisigen Stößen. Man brauchte einiges an Kraft, sich der Strömung entgegenzustemmen. Die beiden Sklaven schlingerten wie Schiffe im Sturm. Kari blieb hinter ihnen, um sie notfalls zu packen. Aber sie schafften es allein bis hinüber zum Hang. Dort angekommen hatten sie allerdings kaum noch die Kraft, aufrecht zu stehen.

"Wartet!" Kari durchschnitt ihnen die Handfesseln. "Ihr müßt dort oben hinauf."

Stumm, die Sklaven auf Händen und Knien, erklommen sie den glitschigen, geröllübersäten Hang. Der Aufstieg war mühsam. Rechts und links reckte sich Fels in die Höhe, und der Wind blies ihnen wie durch einen Kamin entgegen. Zu allem Überfluß hatte es auch noch zu regnen begonnen. Endlich erreichten sie das Ende der Schräge. Birsay lag vor ihnen, eine grasbewachsene Platte auf dem Fels. Schräg zur Rechten lockte der große Jarlshof mit der Schmiede, dem Badehaus, der Küche und den Ställen im Hintergrund. Warmes Licht glomm aus einer halb geöffneten Tür. Der ältere Sklave wandte sich instinktiv dorthin. Der Jüngere blieb stehen. Er straffte den Nacken und sah aus wie einer, der sich entschlossen hat, an eben dieser Stelle zu Stein zu erstarren. Aus Protest, aus Wut, aus Verzweiflung...

Wahrscheinlich, überlegte Kari, war der Kleine noch vor wenigen Tagen Mitglied einer angesehenen irischen Familie gewesen. Er betrachtete das feingesponnene Hemd des Jungen, den mit buntem Garn bestickten Kragen, die nassen schwarzen Locken, die sich darüber kringelten. Der Junge hatte nordisch gesprochen, was allein schon ungewöhnlich war, aber außerdem hatte er sich auch noch geschickt ausgedrückt und fast ohne Akzent geredet. Zweifellos war er kein gewöhnlicher Bauernlümmel. Und mutig hatte er sich ebenfalls gezeigt.

Kari schwankte. Plötzlich kam ihm Idee. Er griff den Schwarzäugigen beim Ellbogen. "Komm mit."

Ungeduldig zog er ihn hinter sich her, einige Meter weiter, bis zur nächsten Klippe. Dort trat er so dicht wie möglich an den Abgrund. Unter ihnen tat sich ein gurgelnder, schäumender Schlund auf, tobsüchtige Kraft, die jedem, der sich nicht auskannte, wie die reißende Hand zum Tor der Unterwelt erscheinen mußte. Kari hob die Stimme, um gegen das Gebrüll des Wassers anzukommen. Er deutete auf das Meer hinaus.

"Weißt du, was dort hinten ist, rechts von meinem Arm?" fragte er.

Der Junge schüttelte den Kopf, vorsichtig allerdings. Kari merkte an seinem verspannten Körper, daß er Angst vor der Tiefe hatte.

"In Ordnung. Ich sag´s dir. Dort ist Wasser. Nichts als Wasser. Selbst wenn du Tage fährst, wirst du kein Ufer erreichen. Es ist, als läge dort das Ende der Welt. Das stimmt aber nicht. Wenn man Mut und günstige Winde hat, dann erreicht man eine Eisinsel. Aber dahinter, da fängt dann wirklich das Nichts an. Und jetzt sieh auf die andere Seite. Weißt du, was dort ist?"

Sie blickten beide zu den Schiffen, die wie schwarze, behäbige Wale in der Nacht schaukelten.

"Die Insel heißt Ross. Sie ist so klein, daß man sie an einem Tag durchqueren kann. Die Hauptinsel der Orkaden. Sie liegt eingebettet im Ozean und ist geschützt durch wilde, reißende Strömungen. Hunderte von Schiffen sind hier schon gestrandet. Dennoch könnte ein einzelner Mann in einem guten Boot sie vielleicht verlassen. Und wenn er nicht nach Westen ins Meer abgetrieben wird, oder nach Norden auf eine der vielen kleinen Steininseln, dann kommt er zur Roegnvaldinsel. Und von dort, von der Südspitze aus, kann man zum Festland hinüberschauen, nach Caithness. Aber zwischen Roegnvald und Caithness liegt der Pentland Firth. Und dieses Gewässer überquert niemand allein. Es zu überwinden, dazu braucht man ein starkes Schiff, ein Dutzend kräftige Ruderer und einen erfahrenen Steuermann. Die Fahrt allein zu wagen bedeutet, sich zu ersäufen."

Kari schwieg und ließ die Worte wirken.

Er spürte, daß der ältere Sklave hinter ihnen stand, aber in einiger Entfernung. Der Mann schien nicht gut bei Verstand, aber auch nicht bösartig zu sein. Da er kräftig und gehorsam war, würde er sich bald eingelebt haben. Aber der schwarzäugige Junge war anders, und deshalb standen sie hier. "Wie heißt du?" fragte er, als er meinte, daß genügend Zeit verstrichen sei.

"Aedan."

"Also, Aedan. Du meinst, dir geschieht Unrecht, weil man dich geschlagen und verschleppt hat und dich nun zum Knechtsdienst zwingen will."

Es kam keine Antwort. Natürlich nicht.

"Vielleicht hast du damit Recht. Ich weiß ja nicht, welche Geburt dir Odin bestimmt hatte. Und sicher sollte sich ein Mann nicht vor einem anderen Mann erniedrigen. Aber du siehst auch, daß du nicht fliehen kannst. So bleiben dir also nur zwei Möglichkeiten."

Er ließ den Jungen los und trat einen Schritt zurück.

"Du kannst dich für das Haus dort hinten entscheiden und damit dein Recht, ein Mann zu sein, aufgeben. Oder du kannst den Schritt nach vorn tun, der dir deine Würde erhält. Tu, was dir besser erscheint, ich werde dich nicht abhalten - nicht in die eine Richtung und auch nicht in die andere."

Kari wartete. Er hatte keine Ahnung, wie Aedan sich entschließen würde. Er wußte, was er selbst getan hätte - aber er war auch Norweger und stammte aus einer starken Familie. Geduldig harrte er aus, während der Wind ihm Wasserperlen gegen die Haut schleuderte. Schließlich, als Zeit genug verstrichen war, trat er wieder hinter den Jungen. Er blickte über seine Schulter in den schwarzen Schlund. Der Mond beschien weiße, tanzende Schaumkronen.

"In Ordnung", sagte er. "Nimm deinen Freund und geht hinüber in das kleine Haus am Ende der Siedlung. Dort werden sie dir das Haar scheren, dir trockene Kleider geben und dir Arbeit zuweisen."