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Leseprobe
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------------------------------------------------------- Prolog ------------------------------------------------------- Genua, im Oktober 1327 Mißtrauen trieb Benedetto Marzini in die Lagerhalle im Erdgeschoß seines Genueser Palazzos. Mißtrauen gegen seinen Sohn. Lorenzo war ein Schwachkopf. Der alte Mann tappte mit einer trüben Öllampe in der Hand zwischen Kisten, Säcken und Stoffballen und bemühte sich, in der dunklen, von Säulen getragenen Halle einen Weg zu erkennen. Lorenzo hatte kein System. Die Waren für die Alpenpässe lagen in buntem Durcheinander mit den Seegütern. Trennen mußte man sowas. Ordnung halten. Er hatte Lorenzo hundertmal erklärt, wie man eine Halle bepackte. Aber mittlerweile schrieb man das Jahr 1327, Lorenzo hatte graue Haare bekommen, und sein Vater war für ihn ein nörgelnder Greis geworden, der die Welt nicht mehr verstand. Benedetto stieß mit dem Pantoffel an einen Sack. Er beugte sich vor und hielt die Öllampe über die Warenaufschrift: Alaun aus Phokäa. Sein zerknittertes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Der Junge führte den Alaunhandel also weiter. Zumindest das hatte er gelernt. Alaun würden die Leute kaufen, solange sie buntgefärbte Stoffe trugen. Wer eine Hand im Alaungeschäft hatte, konnte mit der anderen etwas riskieren. Aber wo steckte der Safran? Der alte Mann hielt die Lampe hoch und sah sich um. Die Lagerhalle hatte zwei Ausgänge. Ein großes, gewölbtes Tor zum Hafen, wo die beiden familieneigenen Galeeren beladen wurden, und eine kleinere mit Fresken geschmückte Tür, die zum Arkadengang an der Straße führte. Die Waren für Koblenz sollten auf dem Landweg transportiert werden, über Mailand den Sankt Gotthard hinauf und dann weiter nach Basel. Wenn Lorenzo also ein Restchen Verstand besaß, hatte er den Safran in der Nähe des Arkadentores verstaut. Benedetto durchquerte die Halle. Er schämte sich, daß er durch sein eigenes Haus schleichen mußte wie ein Dieb. Aber er wußte, daß sein Sohn sich über den Vertrag mit der hübschen Gewürzhändlerin geärgert hatte, und er traute ihm zu, den Safran einfach "vergessen" zu haben. Das würde er aber nicht dulden. Direkt neben dem Arkadentor hatte man, etwas getrennt von den anderen Sachen, Kisten gestapelt. Benedetto las die Aufschriften. Mit Gold versponnene Seide für einen Kölner Tuchhändler. Scharlachfarbe für denselben Mann. Alaun, gelbes Sandelholz, Indigo aus Bagdad, das ging nach Straßburg. Seide aus... aus Lucca? - Nein, davon hielt Benedetto nichts. Die Luccesen spannen ihre Seide auf merkwürdigen mechanischen Konstruktionen. Das hatte keine Qualität. Aber hier... Auf der Spitze des Warenberges fand er eine kleine, besonders stabil gezimmerte Holzkiste. Toskanischer Safran, Marcella Bonifaz, Trier. Sein grimmiges Gesicht begann zu strahlen. Hielt Lorenzo das Wort seines Vaters also doch noch in Ehren! Er stellte seine Lampe beiseite und stemmte die Kiste zu Boden. Das Öffnen gestaltete sich mühsam, denn er mußte stramm sitzende Eisenriegel verschieben, und seine Finger waren steif von der Gicht. Schließlich schlug er den Deckel zurück und fand zwei in Stroh gebettete Holzkrüge, jeder so groß wie ein Schweinskopf. Er drehte die Holzpfropfen heraus, fuhr mit der Hand in die mürben, roten Safranfäden, zerrieb sie und hielt sie gegen das Licht der Öllampe. Schnüffelnd drückte er ein paar Krümel an seine Nase, dann leckte er daran. Er grunzte zufrieden. Der Safran war rein, keine Beimischungen von Färbersaflor. Die hübsche Frau Bonifaz würde erstklassige Ware bekommen. Und das sollte auch so sein. Sein zahnloser Mund verschob sich vor Vergnügen, als er an die Trierer Händlerin dachte, die in Koblenz an seinen Stand gekommen war. Marcella Bonifaz. Er hatte sie beobachtet, als sie über die Wendeltreppe in das Obergeschoss des Kaufhauses gestiegen war. Sie hatte einen saphierblauen, sternenbestickten Surcot getragen, darüber einen pelzgefütterten Mantel mit weitfallenden Ärmeln und - ach, was Weiber eben so anziehen. Nur daß bei ihr alles zuammengepaßt hatte, Kleid, Unterkleid, Gürtel, Spitzen, als hätte der Herrgott selbst mit seiner Lust an Formen und Farben sie gekleidet. Aber eingefangen hatte sie ihn mit ihren Haaren. Dunkelbraun, von der Farbe nasser Walderde, gekringelt in winzige und winzigste Löckchen, die um ihr schmales Gesichtchen spritzten wie Wassertropfen. Übermütig und selbstbewußt. Ihr Mund war für seinen Geschmack zu groß geraten. Auch ihre Nase ragte ihm zu kampfeslustig in die Welt. Aber, Allmächtiger, dafür hatte sie ein Lachen! Einmal tief und halb verschluckt, wie das Glucksen einer Quelle, dann wieder strahlend und von umwerfender Heiterkeit. Oh, Marcella Bonifaz liebte den Handel! Sie liebte es zu feilschen und zu rechnen und Preise zu überschlagen und um Prozente zu schachern. Sie hatte Safran kaufen wollen, und wegen ihrer Haare und ihres Lachens hatte er ihr seinen Safran angeboten. Toskanischen Safran, den bestes des Marktes. Zum Einkaufspreis. Mochte Lorenzo darüber schäumen. Sie hatte gezögert, als er ihr die Menge genannt hatte, die zu liefern er bereit war. Fünfhundert Lot. Das Zögern verriet ihm, was sie lieber für sich behalten hätte: Daß sie mit diesem Einkauf an die Grenzen ihrer Mittel stieß. Er hatte ihr angeboten, die Hälfte des Zolls zu übernehmen. Und da hatte sie zugeschlagen. Mit sechshundert Lot! Was für ein Weib! Was für ein Wagemut! Und gewiß würde sie ihn nicht bereuen, denn Benedetto Marzinis Saumtierkarawanen waren die bestbewachten Warenzüge, die über die Alpen gingen. Wenn das Wetter sich hielt, würde sie ihren Safran in drei, spätestens vier Wochen in Koblenz in Empfang nehmen können. Und wenn - was der Heilige Michael verhüten mochte - der Winter früher als erwartet hereinbrach, wenn der Zug also in Airolo oder Schwyz überwintern mußte, dann würde sie auch im Frühjahr noch ein glänzendes Geschäft machen. Benedetto war dabei, den Holzkrug wieder zu verschließen, als ihm etwas einfiel. Mit einem stillen Lächeln enthakte er die kleine, silberne Rose, die seinen Hausmantel zusammenhielt, küßte sie und warf sie zwischen den Safran. |