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Prolog
Montaillou, im Februar 1312
Guillaume stolperte und fiel der Länge nach in die mit geschmolzenem
Schnee durchtränkte Furche, die seinen Rübenacker vom Feld der
Benets trennte. Er trug keinen Mantel, denn den hatte er in der Aufregung
am Haken hängen lassen. Darum sog sich sein dünner, knielanger
Wollkittel sofort mit Wasser voll und er war innerhalb eines Atemzugs
durchnässt.
Dreckskälte!
Dreckskälte, fluchte er still. Aber der Schmerz, mit dem die Haut
sich zusammenzog, hatte auch sein Gutes. Guillaume begann wieder zu denken.
Zitternd erhob er sich, wischte Dreckklumpen von Bauch und Beinen und
fragte sich, was geschehen wäre, wenn er mit seiner Wut einfach in
ihre Häuser gestürmt wäre. Er war ein Mann ohne Phantasie.
So brachte ihm seine Überlegung keine schrecklichen Bilder, sondern
nur ein schweres Gefühl im Magen, als hätte er sich an rohem
Teig überfressen. Er hob den struppigen Bauernkopf und blickte zum
Himmel.
Es war diese verhexte Zeit zwischen Tag und Nacht, die er nicht leiden
konnte. Über den Berggipfeln hing ein kreisrunder Mond, grell wie
ein Tropfen aus Feuer. Er färbte den Schnee auf den Kuppen, aber
nicht gelb, sondern violett der Teufel mochte wissen, wie das zuging.
Die Baumwipfel auf den Berghängen waren klarer gezeichnet als bei
Tag und sahen aus wie die Lanzenspitzen eines Geisterheeres, dass in die
Täler marschierte. Guillaume bekreuzigte sich. Die Welt, die richtige
Welt, bestand aus steiniger Erde, in die man einen Spaten schlug, und
aus blutigem Fleisch, das man vom Fell eines Schafes kratzte. Er wünschte,
er könnte sich in seinem Haus verschanzen, wie es jeder anständige
Mensch um diese Zeit tat.
Aber da war die Zunge. Er hatte sie in ein Stück Leder eingewickelt
und in seinen Gürtelbeutel getan, und obwohl er sich nicht bewegte,
schlug sie gegen seine Schenkel und gemahnte ihn an seine Pflicht. Widerwillig
setzte er sich erneut in Bewegung.
Nicht durchs Dorf, du einfältige Strohnase, zischelte es aus dem
Beutel. Denkst du, sie geben nicht Acht? Denkst du, sie schlafen?
Ich tu, was ich will, sagte Guillaume trotzig.
Dann stirb.
Aber er würde nicht sterben. Denn inzwischen war der Retter gekommen.
Am späten Nachmittag hatte er ihn, umgeben von bewaffneten Reitern
in prächtigen roten Gewändern mit Kreuzen auf dem Rücken,
von Comus herüberreiten sehen. Selbstverständlich musste er
trotzdem vorsichtig sein. Sie schliefen nie. Und die Nacht war die natürliche
Zeit für ihre Untaten. Der Weg durchs Dorf war ihm also genommen.
Mit diesem Entschluss verließ Guillaume kurz vor dem Haus von Onkel
Prades den Weg und kletterte einen Trampelpfad hinab, der zum Ufer des
Hers führte. Er würde dem Flüsschen durch die Schlucht
folgen und dann an dem künstlichen Kanal entlanggehen, der den Halsgraben
der Burg mit Wasser versorgte. Von da waren es nur noch wenige Schritte.
Sein Pfad verlor sich rasch in dem wuchernden Gestrüpp, das abseits
der Felder die Hänge bedeckte. Guillaume verhedderte sich in Dornen
und fluchte erneut. Die Ernte war schlecht gewesen, zwei seiner Ziegen
an Ausfluss gestorben. Er würde sich keinen neuen Kittel leisten
können.
Je tiefer der Bauer in die Senke stieg, umso dunkler wurde es, bis nicht
mehr der kleinste Mondstrahl den Boden erhellte. Guillaume blieb stehen,
oder vielmehr: Er wollte stehen bleiben. Doch das Gras war plötzlich
glitschig wie die Tenne nach dem Schlachttag. Er rutschte aus, schlitterte
ein Stück auf dem Hintern, fasste in heillosem Schreck nach allem,
was sich bot und konnte sich gerade noch an ein paar Zweigen halten, da
hing er schon bis zu den Waden in eiskaltem Wasser. Hölle! Der Hers
musste weit über seine gewohnte Höhe angestiegen sein. Er gurgelte
wie ein wütendes Tier, dem die Beute zu entwischen drohte. Zitternd
suchte Guillaume nach einem stärkeren Halt, fand einen Stamm, zog
sich daran aus dem Wasser und kauerte sich zusammen.
Wie dumm von ihm, einfach loszustürzen. Es gab einige im Dorf, denen
man trauen konnte. Philippe, die alte Raymonde... Er hätte sich Verbündete
suchen und mit ihnen gemeinsam...
Du warst immer ein Idiot, lästerte die Zunge.
Sie trieb ihn zurück auf die Füße. Mühselig kletterte
er den Hang hinauf.
Nicht durch das Dorf.
Ja, beeilte er sich zu sagen. Er erreichte Onkel Prades' Hütte
und dort hätten sie ihn fast erwischt. Sie lauerten hinter den Johannisbeerbüschen,
aus deren Früchten seine Schwester im Sommer Sirup kochte. Zwei Schatten,
die im Mondlicht wie schwarze Riesenkürbisse wirkten.
Ohne nachzudenken warf Guillaume sich flach auf den Boden. Die Dreckskerle
waren ihm also tatsächlich auf den Fersen und wahrscheinlich hatten
sie Messer und Knüppel dabei. Die Zunge pochte an seinen Schenkel.
Er lag neben dem Misthaufen von Onkel Prades, hatte einen kotverkrusteten
Strohhalm in der Nase und konnte vor lauter Furcht nicht einmal die Hand
heben, um ihn zu entfernen.
Alles, was ihm einfiel, war ein Fluch für seine Mutter, die ihn in
diese üble Lage gebracht hatte.
Was würden sie tun, wenn sie ihn nicht erwischten? Zu seinem Haus
gehen? Plötzlich fiel ihm Grazida ein, die ihr Lager neben den Ziegen
hatte und sicher schon schlief.
Er mochte seine Frau nicht sonderlich, aber jetzt tat sie ihm Leid.
Nur konnte er ihr nicht helfen.
Wie ein Krebs kroch Guillaume rückwärts und brachte sich hinter
dem Misthaufen in Sicherheit. Er wusste, er musste jetzt genau nachdenken.
Die Schlucht war überflutet und der Weg durchs Dorf versperrt. Also
blieben nur die Klippen, die die westliche Grenze der Burg blideten. Unsicher
fasste er nach dem Beutel, doch das graue Stück Muskel blieb diesmal
stumm. Dann war seine Entscheidung gut. Wenn seine Mutter nichts sagte,
hieß das: Gut.
Er brauchte lange, um von Onkel Prades' Hütte fortzukommen. Und als
er nach zahllosen Kletterpartien und zwei schweren und mehreren leichten
Stürzen endlich über das letzte Stück Fels kroch und die
Burgmauer vor sich sah, mussten sie im Dorf schon in tiefem Schlaf liegen.
Erleichtert hob er den Kopf zu dem steinernen Wohnturm, dem Donjon, in
dem der Kastellan lebte und in dem nun sein Retter wohnte. Warmes Licht
fiel durch zwei Fenster im oberen Teil des Turms, was ihm wie ein freundlicher
Gruß vorkam.
Entschlossen hinkte Guillaume er hatte sich den Fuß verstaucht
auf die Pforte zu. Der Mond, dieser verhexte Bundesgenosse der
Nacht, ließ das Wasser im Halsgraben aufglitzern. Irgendwo schrie
ein Käutzchen. Guillaume beschloss, die Nacht in der Burg zu verbringen.
Keine Macht der Welt würde ihn noch einmal aus den Mauern bringen,
ehe es hell war. Grazida mit ihrem Großmaul musste für sich
selbst sorgen.
Er pochte an das Holztor und erhielt unverzüglich Antwort. Aber nicht
der alte Pons ließ ihn ein, sondern einer der Ritter des edlen Herrn.
Guillaume sah das weiße Kreuz auf seinem Mantel. Er hätte den
Fremden am liebsten an die Brust gedrückt, doch gleichzeitig packte
ihn die Scheu seines Standes und so trug er stotternd sein Anliegen vor.
Der Mann nickte, zog die Kapuze tiefer und deutete zur Treppe hinauf,
wo ein zweiter Ritter wartete. Wahrscheinlich hatte er kein Wort verstanden.
Unten, im Tiefland von Pamiers, sprachen sie einen anderen Dialekt.
Guillaume griff nach dem Beutel mit der Zunge. Wenn ihr begreifen
wollt sie sind...
Der Mann schob ihn weiter, um das Tor verriegeln zu können.
... wahrhaftig böse, murmelte Guillaume. Er stapfte hinter
dem anderen Ritter die Pferdetreppe hinauf. Sie sind wahrhaftig böse
das war es, was er dem Bischof erklären musste. Er war glücklich,
die richtigen Worte gefunden zu haben.
Der Ritter führte ihn in den Burghof. Seltsam, obwohl der Platz durch
die Mauern geschützt war, schien der Wind hier noch eisiger zu wehen.
Aber das lag vielleicht daran, dass Guillaume wegen seiner nassen Kleider
inzwischen völlig durchfroren war. Er beneidete den Ritter um den
dicken Mantel, in dem er fast verschwand.
Wahrhaftig böse, murmelte Guillaume, um diesen wichtigen
Teil seiner Botschaft nicht zu vergessen. In einem der Ställe wieherte
ein Pferd. Eine Gestalt schlüpfte aus der Stalltür und ging
zur Pferdetränke, um dem Tier Wasser zu bringen. Guillaume musste
an seine verendeten Ziegen denken.
Dann fiel ihm etwas auf: Der Kerl dort vorn, das war gar kein Bursche,
sondern eine Frau. Hier, im Hof der Burg von Montaillou, färbte der
Mond weder violett noch gelb. Ihre Hände und ihr Gesicht waren weiß.
Es kam ihm schrecklich und unheimlich vor. So hatten die Gebeine der Ketzer
unten in Ax ausgesehen, die sie aus den Gräbern geholt hatten, um
sie zu verbrennen. Das Weib starrte ihn an.
Guillaumes Verstand arbeitete schleppend. Es dauerte mehrere Atemzüge,
bis er sie erkannte. Und dann war er so bestürzt, dass er kaum wahrnahm,
wie sein Führer ihn packte und zur Tränke drängte. Unablässig
stierte er in das weiße Gesicht und versuchte zu begreifen, was
die verzerrten Züge bedeuteten. Hasste sie ihn etwa? Aber warum?
Ihre Züge waren ihm vertraut bis hin zu der Brandwunde am linken
Augenlid, die sie sich kürzlich beim Backen zugezogen hatte. Dennoch
war ihm, als hätte er nie ein fremderes Wesen gesehen. Über
die Lippe der Frau rann Speichel. Ja, sie hasste ihn, und zwar so leidenschaftlich,
dass sie unfähig war, die eigene Spucke zu beherrschen. Guillaume
wollte einen Laut des Abscheus herausbringen. Erst jetzt merkte er, dass
man ihm den Mund zuhielt. Er wollte protestieren, aber ein Tritt in die
Kniekehlen zwang ihn auf die Knie. Sein Kinn knallte auf die Kante der
Tränke.
Ihn packte die Furcht. Er verdrehte den Hals und wollte einen Schrei ausstoßen,
doch die Hand hielt ihn eisern fest. Jemand griff in sein Haar. Im nächsten
Moment tauchte sein Kopf in eiskaltes Wasser.
Er kam nicht an gegen die vielen Hände, die ihn hielten. Sie klammerten
sich sogar an seine Beine und jemand stemmte gegen die Zunge im Beutel.
Aber erst, als etwas Hartes seinen Nacken traf, hörte er auf, sich
zu wehren.
Und selbst da war er noch nicht tot. Sie schleppten ihn an den Rand des
Hofs, hievten ihn über die Mauer und warfen ihn in den Halsgraben.
Das letzte, was er sah, waren ihre Gesichter, die, immer noch weiß,
auf ihn hinabstarrten, als er ins Wasser eintauchte.
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