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Leseprobe
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1. Kapitel
" ... ist falsch", sagte Carlotta. Die Flamme der Tranlampe flackerte über ihre rostfarbenen, im Nacken zusammengeschnürten Locken und warf Schatten auf das aufmerksame Gesicht mit der weichen, runden Nase, auf der sich zahllose Sommersprossen tummelten. In der Wohnstube war es dunkel. Carlotta hatte die drei Fensterchen zur Gasse durch Holzläden verschlossen, weil draußen ein Unwetter tobte, aber auch, weil es Nacht war und man nie wissen konnte, wer im Schutz der Dunkelheit sein Unwesen trieb. Regen prasselte gegen die Läden, und die schweren, schwarzgefärbten Deckenbalken drückten auf das Zimmer, so daß Carlotta das Gefühl hatte, in einer Höhle zu sitzen, in der nur sie und das von der Lampe beschienene Buch mit dem mißratenen Kreis existierten. Es war kalt geworden. Das Feuer in dem von der Küche aus betriebenen Hinterladeofen hatte seine Kraft verloren. Fröstelnd rieb Carlotta die Füße an den Waden. Die Sache mit dem Kreis war unwichtig. Die Heidelberger Universität legte mehr Wert auf Aristoteles als auf die Mathematiker, und kaum einer der Heidelberger Scholaren hatte die Elemente bis zu dieser Stelle gelesen. Der Baccalar, von dem sie den Auftrag hatte, ihm den kompletten Euklid zu kopieren, wollte damit seinen künftigen Auftraggebern imponieren, und wenn sie ihm ebenfalls ein eingedelltes Ei hinschluderte, wie auf der Vorlage, würde er es wahrscheinlich nicht einmal bemerken. "Trotzdem", sagte Carlotta. "Es geht ums Prinzip." Sie spürte eine Bewegung. Die Katze, die auf der Holzbank vor dem Ofen gedöst hatte, wandte ihr bei den lauten Worten die grünschimmernden Augen zu. Carlotta war allein mit dem Tier, denn ihrem Vater, der ihr normalerweise Gesellschaft leistete, machte wieder der Magen zu schaffen. Und die jungen Scholaren, die bei ihnen zu Kost, Logie und Unterricht wohnten, hatten strenge Schlafenszeiten und waren längst in den Kammern. "Wahr ist wahr und falsch ist falsch", setzte Carlotta der Katze auseinander. "So etwas darf man nicht durcheinanderbringen. Immerzu werden aus Kreisen Eier gemacht und Eier in Kreise umgeschwindelt. Und hinterher wissen die Leute selbst nicht mehr, was richtig ist, und es gibt ein großes Geschrei." Die Katze maunzte - es klang eher wie das Zischeln einer Schlange - und sprang von der Bank. Ihr Körper, fett von den Ratten, die sie schlug, krümmte sich zu einem Buckel. Sie kam näher. Der Lampenschein fiel auf ihr struppiges, schwefelgelbes Fell. Stirnrunzelnd betrachtete Carlotta das häßliche Tier. "Du bist auch eine von denen, die sich durch die Welt lügen, Katze. Nein, laß meine Beine. Wir wissen beide, daß du mich viel lieber kratzen würdest. Ich hätte auf Josepha hören und dich im Fluß ersäufen sollen, als du das erste Mal an meine Küchentür geschlichen bist. Hör auf damit! Denkst du, irgendwo auf der Welt bekommt eine Katze Milch verfüttert?" Das Tier fauchte, und Carlotta schwieg. Es hatte keinen Sinn, weiterzuarbeiten. Ihre Augen brannten, die Buchstaben verschwammen, so daß sie kaum noch zu entziffern waren. Sie nahm die Lampe mit dem Talglicht und ging zur Küche, die den hinteren Teil des Hauses einnahm. Der Wind klapperte an den Fensterläden und riß an der Hoftür, als wäre er ein Dieb, der sich Einlaß verschaffen wollte. Regen platschte auf das Dach des Hühnerstalls im Innenhof, nicht nur ein paar Tropfen, sondern als würde jemand Wasser aus Eimern herabschütten. Die Küche war klein. Zur rechten Hand ein gemauerter Herd, auf dem unter einem bauchigen, mit Schlitzen versehenen Gluthalter das Kochfeuer glomm, und über dem an einem Schwenkhaken der Topf mit den Resten der mittäglichen Suppe baumelte. Daneben eine Tür, die in den Innenhof führte, gegenüber ein Regal, in dem das Geschirr verstaut war. Der hintere Teil des Raumes wurde von einem mit Bänken gesäumten Tisch ausgefüllt, an dem die Scholaren zu essen pflegten. Mehr paßte in die Küche nicht hinein, und mehr war auch nicht nötig. Carlotta trat zur Kochstelle, wo in einer Ecke die verbeulte Zinnschüssel mit der Schmalzmilch stand. Sie schüttelte sie vorsichtig, um zu sehen, ob die Masse schon fest zu werden begann. "Du kriegst keine Milch", sagte sie zur Katze. Mit Sehnsucht dachte sie an ihr Bett in der kleinen Kammer unter dem Dach. Hoffentlich hatte es nicht wieder hineingeregnet. Und hoffentlich schlug der Sturm keine Schindeln herab. Ihr Vater würde darauf bestehen, den Schaden selbst zu beheben, und dazu hatte er kein Talent, denn so klug und gewissenhaft er als Pedell die Urkunden der Universität führte, so ungeschickt war er bei allem, wozu man zwei Hände brauchte. Sorgen, Sorgen. Carlotta nahm das Schüsselchen mit den Pinienkernen vom Regal, dazu ein Holzbrett und ein Hackmesser, und begann im trüben Licht der Lampe die Kerne zu zerkleinern. Etwas strich um ihre Beine. Die Katze. Aber nicht die gelbe, denn das Fell war weich und die Bewegung so geschmeidig, daß Carlotta der Versuchung nachgab und sich bückte. "Du willst auch an die Milch, was?" Es war die graue Katze, die seidige, die nicht für die Rattenjagd taugte, aber dafür fleißig Mäuse anschleppte. Eine mußte sie gerade gefangen haben, denn die Gelbe, die auf der Schwelle zwischen Stube und Küche lag, hielt zwischen den Pfoten ein pelziges Etwas. "Du hast es fortgegeben, ja?" Carlotta hob die Katze an den Vorderbeinen an und schaute ihr in die sanften Augen. "Das bist dumm!" sagte sie. "Die Gelbe ist fett wie die Sünde. Und die Maus gehörte dir. Du solltest dich darauf besinnen, daß deine Krallen so scharf sind wie ihre." Die Katze schnurrte, und Carlotta ließ sie ungeduldig zu Boden. Ihre Schmalzmilch geriet gut, die Kerne waren gehackt, sie wollte zu Bett. "Raus!" scheuchte sie die Katzen und versperrte die Tür. Der Sturm hatte zugenommen. Etwas klapperte draußen auf der Gasse, vielleicht ein Fensterladen, den es aus der Angel gerissen hatte. Carlotta hob die Lampe und begann, die Stiege ins Obergeschoß hinaufzuklettern. Wenn Schindeln vom Dach geweht wurden, würde sie einen der Scholaren bitten, den Schaden zu reparieren. Vielleicht Bertram. Der schuldete ihr noch etwas, denn sie hatte ihm das Schildkrötenproblem des Archimedes auseinandergesetzt, was immerhin zwei Stunden in Anspruch genommen hatte, und wahrscheinlich würde es ihm sogar Spaß machen, auf dem Dach herumzuturnen. Mit einem Mal stockte sie. In das Prasseln und Pfeifen des Sturms hatte sich ein fremder Laut gemischt. Ein Klopfen, das anders klang, als die Geräusche zuvor. Jemand pochte an die Haustür. Carlotta zögerte. Sie stand bereits am Ende der Stiege. Einen Schritt den Flur entlang befand sich die Kammertür ihres Vater. Flüchtig erwog sie, ihn zu wecken. Aber morgen war der Tag des heiligen Dionysius, und ihm zu Ehren würde die Universität eine Prozession und einen Gottesdienst veranstalten, und während der Prozession würde ihr Vater das silberne Zepter der Universität tragen müssen - was ihm schwer genug fallen würde, auch ohne daß er übermüdet war. Unschlüssig stieg sie die Stufen hinab. Wer trieb sich in der Nacht herum? Wäre das Wetter besser gewesen, hätte sie vermutet, daß die Scharwache einen Scholaren zurückbrachte, der sich heimlich über die Galerie und den Innenhof ins Freie geschlichen und in der Stadt Dummheiten angestellt hatte. Obst aus den Gärten gestohlen, das kam öfter vor. Aber nicht bei diesem Sturm. Aus dem Klopfen wurde ein ungeduldiges Hämmern. Sie stellte sich hinter die Tür. "Wer ist da?" Die Antwort ging im Rauschen des Unwetters unter. Unentschlossen nagte Carlotta an ihrem Fingernagel. Dann schob sie den Riegel zurück, öffnete die Tür und spähte in die Nacht hinaus. Nicht nur eine einzelne Person stand dort, auf der Gasse herrschte ein regelrechtes Gedränge. Männer auf Pferden, vielleicht ein halbes Dutzend, duckten sich im Regen, der sie wie Nebel umsprühte. Sie umringten einen kleinen Reisewagen, von dessen Plane das Wasser rann und dessen Räder im aufgeweichten Gassendreck steckten. Die Männer trugen einheitliche Kleidung, aber nicht die gestreiften Schecken der Stadtwache und auch nicht die taubenblauen der pfalzgräflichen Burgmannen. Sie waren purpurrot gewandet, in Wämsern, die sich unter langen, bis zum Knie geschlitzten Reisemänteln verbargen und teuer und unendlich vornehm wirkten. Der Mann, der geklopft hatte, schob sein Gesicht in den Schein von Carlottas Lampe. Er war der einzige, der kein rotes Wams trug, sondern das Gewand der Scharwache, und sie erkannte ihn an seiner gebrochenen Nase. Er gehörte zur Mannschaft, die den Wachdienst oben am Keltertor versah. Grimmig stemmte er sich gegen Wind und Regen. Seine Kleidung troff, der kurze Umhang flatterte, die Strümpfe klebten ihm an den Beinen, wo sie Falten zogen. "Wohnt hier der Pedell?" bellte er. Natürlich. Und das wußte er so gut wie jeder andere, denn Heidelberg war eine kleine Stadt und der Pedell der Universität ein wichtiger Mann. Angeber. "Was ..." Carlotta zog hastig den Kopf zurück. Ein Windstoß blies Regen durch den Türspalt. "Was wollt Ihr von meinem Vater?" Sie versuchte, an dem Wächter vorbeizuspähen, um mehr von dem Wagen zu erkennen. Es schien ein kostbares Gefährt zu sein. Die Plane, die den Wagenkasten überspannte, war aus hellem, mit Mustern bedruckten Leder, und das Holz, an dem ein erloschenes Windlicht hing, mit metallenen Ranken geschmückt. Der Wächter grunzte, ohne Carlotta zu antworten. Er nickte einem der Reiter zu und sprang rasch herbei, um ihm beim Absitzen behilflich zu sein. Der Fremde, ein wahrer Riese an Gestalt, schob ihn beiseite und trat ans rückwärtige Ende des Wagens. Er hob die Plane an. Carlotta hörte ihn etwas sagen, aber die Worte klangen fremd und wurden durch das Prasseln des Regens verstümmelt. "Es ist der Magister aus Prag. Der neue, der an der Universität lehren soll", schrie der Wächter, weil ihn sonst niemand beachtete, Carlotta zu. "Was?" "Er soll hier wohnen. Heiliger Pankratius! Hat euch das niemand gesagt? Meine Order heißt: Bring ihn zum Pedell. Kommt von meinem Hauptmann, und der hat es vom Kurfürsten persönlich. Wenn ihr davon nichts wißt, ist das eure Sache. Jedenfalls muß er hier bleiben." Blinzelnd, vom Regen angesprüht, sah Carlotta zu, wie der Riese die hintere Wagenwand herunterklappte. Er brüllte etwas ins Wageninnere, was sie wieder nicht verstand. Nach einer Pause, während der sich nichts rührte, beugte er sich vor. Im Innern des Gefährts befand sich tatsächlich ein Magister. Mit der Hilfe des Riesen begann er, über den Wagenrand zu klettern. Sein schwarzer Talar wurde vom Wind aufgeblasen wie ein Segel und wickelte sich um seine Beine. Er wankte, und wenn der Uniformierte ihn nicht am Arm gehalten hätte, wäre er mit dem Gesicht voran in den Gassendreck gestürzt. Die Kapuze fiel dem fremden Gelehrten bis über die Nase, man konnte kaum die Umrisse seines Kinns erkennen. Taumelnd griff er nach der Planenstrebe und hielt sich fest. Der Wind zerrte an seinen Kleidern. Der Regen durchnässte ihn innerhalb weniger Sekunden, daß er aussah wie eine ertränkte Katze. Er bewegte sich nicht. Warum kam er nicht zur Tür? Er stand am Wagen, als hätte er vergessen, wie man die Füße voreinander setzt. Der Riese zischte etwas Grobes. Ohne den geringsten Respekt packte er den Gelehrten, zerrte ihn an seinem Talar zur Tür und schob ihn, als Carlotta Platz gemacht hatte, ins Haus hinein, so wie man ein lästiges Bündel von sich stößt. Der Magister wäre ihr fast in die Arme gestolpert. Ein Befehl wurde gebrüllt. Der Riese schwang sich in den Sattel. Er hob den Arm, der Wagen rumpelte an, und Augenblicke später waren Reiter, Wächter und Gefährt im Sturm verschwunden. Carlotta schloß die Tür und rückte umständlich, weil sie ja noch die Lampe trug, den Riegel an seinen Platz zurück. Da stand er also in der Stube, der Prager Magister. Vielleicht war alles ein Irrtum, vielleicht sollte der gelehrte Herr bei Marsilius wohnen, dem Rektor der Universität, wie alle neuankommenden Lehrer. Vielleicht war dort aber auch im Moment kein Platz, und ihr Vater hatte über seinem Magenweh schlicht vergessen, Carlotta Bescheid zu geben. Jedenfalls würde sie mit dem Herrn lateinisch sprechen müssen, denn es war zweifelhaft, ob er sich in der deutschen Sprache auskannte, und das würde sie in Verlegenheit bringen, weil sie zwar fließend lateinisch lesen konnte, aber beim Sprechen leicht ins Holpern geriet. Und überhaupt - wollte er etwas essen? Mußte sie den Vater wecken? Vielleicht erst den Vater und dann das Essen? Der Magister streifte mit einer fahrigen Bewegung die Kapuze vom Kopf. Er lehnte sich, oder vielmehr, er sackte gegen die Tür, als wären seine Knie aus Brei. Carlotta kam der unangenehme Gedanke, daß er etwas von der gelben Katze hatte. Die war damals genauso an ihrer Küchentür gelandet. Abgekämpft und tropfnaß, so daß man gar nicht anders konnte, als sie hereinzulassen. Sie hob die Lampe, und ihre Lippen spitzten sich zu einem stummen Pfiff. Die Frage nach dem Essen erübrigte sich. Der Magister war kreidebleich im Gesicht und seine Muskeln so angespannt, daß sich die Wangenknochen herausschoben. Scheinbar litt er Schmerzen. Schmerzen, die so derb waren, daß er auf die Lippe biß, um sie auszuhalten. Ratlos stand Carlotta da. Der Mann brauchte ein Bett, das war zunächst einmal klar. Das einzige Bett in diesem Haus, in dem im Augenblick niemand schlief, war ihr eigenes. Also hinauf mit ihm unters Dach? Oder mußte man erst den Vater fragen? Aber der konnte auch nur einen der Scholaren aus seinem Bett vertreiben, und wenn die Jungen wach würden, würden sie mit ihrer Neugierde Unruhe verbreiten ... "Ihr schlaft oben in der Dachkammer", entschied Carlotta. Der Magister hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Er atmete mit schwach geöffnetem Mund. Es ging ihm schlimmer als der gelben Katze. Nicht auszuschließen, daß er einfach umfiel. "Es ist nur zwei Stiegen hinauf", sagte Carlotta. "Ihr könnt Euch auf mich stützen, wenn Ihr wollt. Im Ernst. Ich bin stärker, als ich aussehe ..." Oder war es sinnvoller, ihn erst einmal auf die Ofenbank zu betten? Kissen unter den Kopf. Decke obenauf. Und doch den Vater wecken? Oder Bertram mit seinen Riesenkräften? "Dekuji", murmelte der Magister. Carlotta nickte erfreut. Der Fremde sprach, also war er bei Sinnen. Kurzentschlossen stemmte sie ihre Schulter unter seinen Arm. "Das Dach ist nicht schlecht. Man hat seine Ruhe. Ist was wert. Es wohnen hier nämlich eine ganze Menge Scholar..." Sie umfaßte hastig umfaßte seine Taille, als sie ihn schwanken spürte. "Herrje, Ihr sagt Bescheid, wenn Euch schwindlig wird? Achtung bei den Stufen! Die sind abgetreten ..." Carlotta war kräftig, aber der Magister schwerer, als sie gedacht hatte. Er hing an ihr wie ein Sack. Sie hätte gewünscht, daß er sich wenigstens mit der freien Hand am Geländer stützte, aber der Arm baumelte nutzlos vor seinem Bauch herum, oder vielmehr, er hielt ihn so, als müsse er ihn schützen. Am Ende der Stufen war Carlotta in Schweiß gebadet. Der Magister murmelte wieder etwas Tschechisches. Dekuji mockrát... Irgend etwas, dann sagte er: Danke. Auf deutsch. Mit einem Zungenschlag, wie betrunken. Aber Carlotta nutzte das Zeichen von Klarheit, indem sie ihm darlegte, daß es möglicherweise besser für ihn wäre, in der Kammer ihres Vaters zu übernachten, wo sie ihm einen Strohsack hinlegen konnte, was sicher nicht komfortabel war, aber besser, als die Treppe hinabzustürzen, und das würde er gewiß, denn die Stiege zum Dach war noch steiler als die andere, und man konnte sie nicht nebeneinander erklettern. Sie machte sich von ihm los und öffnete die Kammertür. Auffordernd deutete sie mit der Lampe in den schwarzen Eingang. Aber der Magister, bisher so folgsam, schüttelte den Kopf und drehte sich beiseite. "Es ist nur für diese Nacht", flüsterte Carlotta hastig. "Ich werde Euch eine Decke auf das Stroh legen, und ein Federbett, so daß Ihr´s weich habt, und zwei Steppdecken für obenauf ..." "Dunkel..." kam es undeutlich aus des Magisters Mund. Ja - wie sollte es denn mitten in der Nacht anders als dunkel sein? Ratlos hielt Carlotta ihre Lampe. Der Magister hatte die Stiege am anderen Ende des Flurs erspäht und machte sich mit dem Eigensinn eines Fiebernden auf den Weg. Sorgenvoll beobachtete Carlotta, wie er begann, die Sprossen zu erklimmen. Er benutzte dazu die linke Hand und sein Körpergewicht, was ihren Verdacht bestärkte, daß mit der rechten Hand etwas nicht in Ordnung sein konnte. Sie hielt ihm das Licht, damit er wenigstens erkennen konnte, wo er hinfaßte, und folgte ihm, als er oben angekommen war, erleichtert nach. Im Dachgeschoß gab es nur einen einzigen Raum. Den von Carlotta. Ihr Bett mit dem Baldachin aus Holz und den hohen Seitenwangen nahm das halbe Zimmer ein. In der anderen Hälfte stand eine vom Holzwurm zernagte Truhe, in dem sie ihre Kleidung aufbewahrte, und ein bequem gepolsterter Stuhl mit einem Rosenmuster, der von ihrer Mutter stammte. Carlotta leuchtete, damit der kranke Magister den Weg ins Bett fand. Dort wollte er aber gar nicht hin. Statt dessen schleppte er sich zu den beiden ins Fachwerk eingebauten Fensterchen. Auch hier waren die Holzläden geschlossen, nur paßten sie nicht genau aneinander, und dort wo sie zusammenstießen, sah man einen Streifen Helligkeit. Der Magister tastete nach den Riegeln und schob sie aus der Verankerung. "Wenn die Fenster nicht verschlossen sind", sagte Carlotta, "bläst der Wind den Regen herein, und morgen früh steht hier eine Pfütze." Der Magister stieß die Läden zurück. Schwer atmend hielt er sich am Sims fest. Carlotta sah, wie sich die Schultern unter dem Talar hoben und senkten. "Wie Ihr wollt." Sie stellte die Lampe auf die Truhe, packte den Kranken unter und half ihm zum Bett. Er ließ sich ohne ein Geräusch auf die Decken fallen. Im selben Moment quiekte es. Wie ein Dämon fuhr die gelbe Katze aus den Kissen auf, und wahrscheinlich hätte sie dem Magister das Gesicht zerkratzt, wenn Carlotta sie nicht blitzschnell von ihm gerissen hätte. Sie raffte die Katze an die Brust und wollte sich entschuldigen, aber ... "Er ... er schläft schon ", sagte sie verblüfft. Tatsächlich rührte ihr Gast sich nicht mehr, und er tat es auch nicht, als Carlotta die Steppdecke unter ihm hervorzerrte, um sie über ihn zu breiten. Er lag auf dem Bauch, und seine rechte Hand hing über den Bettrand hinaus. Carlotta holte das Licht vom Pult. Sie stieß einen leisen Pfiff aus. "Siehst du, Katze?" flüsterte sie. "Ich wußte, daß er da was hat. Verbrannt, hm?" Sie hob den Ärmel des Talars an. "Bis übers Handgelenk. Kein Wunder, daß es ihm übel geht, und eine Schweinerei und wirklich merkwürdig, ihn so auf die Reise zu schicken. Nicht mal verbunden ..." Der Stoff krümelte zwischen ihren Fingern. Er war angesengt. Und über der Brandstelle eingerissen. Carlottas Lampe beleuchtete die schlafende Gestalt bis zu den Füßen. Der Talar war an vielen Stellen zerrissen. Und so dreckig, als hätte der Magister in einem Schweinekoben gehaust. Sie nahm mit spitzen Fingern den lädierten Ärmel, hob den verbrannten Arm damit an und bettete ihn neben dem Kopf aufs Kissen. Gedankenvoll bückte sie sich zur Katze und kraulte ihre struppige Kehle. "Da schicken sie uns einen Magister in einem Wagen, der eines Königs würdig wäre, schützen ihn durch eine fürstliche Eskorte, aber sie verbinden ihm nicht die Wunden und lassen ihn zerrissene Kleider tragen und behandeln ihn ... na, wie eine räudige Katze, will ich mal sagen, wenn es dich nicht kränkt. Was soll das bedeuten?" Die Katze, die es haßte, gekrault zu werden, entwand sich ihr mit einem Zischen. Grämlich starrte sie zum Schlafplatz, von dem man sie vertrieben hatte. "Es paßt nicht, Katze", sagte Carlotta nachdenklich. "Gar nichts paßt. Circulus vitiosus - noch so ein fehlerhafter Kreis." |