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Prolog
Düsseldorf, 23. September I597
Das Kind schrie. Es lag in einem Weidenkorb wie einst der kleine Moses und brüllte sich die Seele aus dem Leib, und das bereits seit zehn Minuten. Aliz d' Antigny presste die Hände gegen die Schläfen. Wie sollte man so etwas aushalten? Am liebsten hätte sie das Bündel gegriffen und ... ja, und was? Sie hatte keine Ahnung von Kindern, und Marthe, die Mutter des Kleinen, eine dralle Amme mit einem angedeuteten Bart über der Oberlippe, schien von dem Lärm nicht im Geringsten beeindruckt. Sie plauderte, als wäre sie taub. Das Wetter ... die Reise auf den schlammigen Landstraßen, die sie fast umgebracht hatte ...
»Vielleicht ist der Kleine hungrig?«, versuchte Aliz sie zu
unterbrechen.
Marthe schüttelte den Kopf und stupste den Weidenkorb mit dem Fuß an. Sie musste noch die Sache mit dem Calvinisten loswerden, den sie vor dem Düsseldorfer Schloss hatte predigen hören und den man besser einsperren sollte, bevor er den Leuten mit seinem ketzerischen Geschwätz das Herz verdarb und ...
»Oder seine Windel ist nass? «
Marthe lachte und schüttelte den Kopf. »Alle Kinder schreien. Es kräftigt die Lungen. Wenn sie nicht schreien, sterben sie.«
Sie musste es wissen. Wäre sie keine erfahrene Amme, hätte man ihr wohl kaum das zweite Kind anvertraut, das sich mit ihnen in dem kleinen Kellerraum des Düsseldorfer Schlosses aufhielt - den kostbaren Knaben, der in einer Ecke neben einem Eimer voller Holzscheite mit einem bunt bemalten Blechpferdchen spielte. Er war ein hübsches Kind, drei Jahre alt, mit blonden, zarten Locken, flinken Fingern und einem aufgeweckten Gesicht.
Die Nadel in Marthes Finger glitt über ein Wollhemd, das geflickt werden musste. Sie begann ein Rezept ihrer Mutter zu preisen - Suppe aus Brot und schwarzem Bier, aber süßem, unbedingt! -, als plötzlich die Tür aufflog. Susanne kam herein, die erste Kammerfrau der Herzogin Jakobe, der auch Aliz diente. Das hagere Gesicht des Weibes war gerötet. Ihr Blick flog durchs Zimmer, und sie atmete auf, als sie sah, dass sich nur die beiden Frauen und die Kinder in dem kargen Dienstbotenzimmer aufhielten. Rasch schloss sie die Tür hinter sich. »Du kannst noch nicht zur Herrin, Aliz. Der Herzog läuft durch die Gänge. Er hatte wieder einen Anfall und ... Es ist grauenhaft.«
Aliz nickte.
»Dieses Mal hat er einen gläsernen Pokal zerschlagen, den benutzt er als Waffe. Angeblich hat er Josef, der ihn bewachte, den Hals so furchtbar zerschnitten, dass man um sein Leben fürchten muss.: Susanne brach in Tränen aus. Sie setzte sich zu ihnen an den Tisch und knetete das Ende ihres Gürtels. »Ich musste durch den Flur, in dem es passiert ist, und habe das Blut gesehen. Die ganzen Wände waren vollgespritzt. So ein Anblick ... so ein Grauen ... O gütige Jungfrau, warum musste der Herrgott uns so schlagen? Warum musste unsere arme Herzogin ... «
»Er ist doch nicht auf dem Weg zu ihr?«, unterbrach Aliz sie beunruhigt.
»Sie hat sich eingeschlossen. Und es sind bereits Wachen unterwegs. Sicher ist es bald vorbei.«
Aliz war erleichtert. Sie mochte Jakobe. Die Herzogin hatte sie als Kammerfrau in ihren Dienst genommen, als es ihr schlecht ging, und so etwas vergaß sie nicht. »Gibst du mir Bescheid, wenn sich alles wieder beruhigt hat?«
Susanne nickte und blickte von der Amme, die schockiert das Hemd hatte sinken lassen, zu dem Knaben mit dem Blechpferdchen. Dann sprang sie auf, als hätte sie sich schon viel zu lange in dem düsteren Gelass aufgehalten, und ging. Ihre Schritte verhallten.
»Die arme Herzogin«, murmelte Marthe. Aliz schlang ihren Mantel enger um sich. Draußen regnete es, und obwohl es bereits Juni war, wurde es nachts noch sehr kalt. Kurz überlegte sie, die Scheite aus dem Eimer zu nehmen und in dem kleinen Kamin ein Feuer anzuzünden, entschied sich dann aber dagegen. Ihr war übel. Wahrscheinlich wurde sie krank. Oder der Fisch vom Mittagessen war nicht gut gewesen. Träge lauschte sie Marthes Geplapper, das wieder eingesetzt hatte. »Die arme Herzogin ... wenn man dagegen das eigene Glück betrachtet ... mir ist wahrlich kein Reichtum beschert, doch mein Ehemann ... « Der Knabe ließ sein Blechpferdchen über ihre Schenkel reiten.
Aliz schluckte, als der Brechreiz stärker wurde. Sich übergeben zu müssen wäre die Krönung dieser scheußlichen Nacht. Draußen vor dem Fenster platschten die Tropfen auf das Pflaster, jeder einzelne schien in ihrem Kopf eine Explosion zu verursachen. Die Turmuhr im Innenhof des Düsseldorfer Schlosses begann zu schlagen. Sie zählte bis elf. Wann die Herzogin wohl nach ihr rufen lassen würde?
Endlich kehrte Susanne zurück. »Du kannst jetzt hinauf, Aliz. Der Herzog hat Wein und ein starkes Mittel zur Beruhigung bekommen, keine Sorge. Er liegt in seinem Bett und schläft.« Sie setzte sich zu Marthe.
»Kommst du nicht rnit?«
»Sie will nur dich und den Knaben sehen.«
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