Leseprobe
 
 

1.


"Eine Schande nenn ich das, Herr." Mart spie aus und deutete hinunter in die Ebene auf die verwitterte, graue Festungsstadt Gorrota, die mit ihren Wachtürmen und Wehrgängen und Mauervorsprüngen wie ein bizarr geformter Fels in den Gewitterhimmel ragte. "Da sitzen sie wie Madengewürm im Speck, tun nichts als fressen und saufen und lassen unsereins für sich bluten. Und wenn sie den fetten Hintern mal bewegen, dann nur, um denen, die was schaffen, Knüppel zwischen die Beine zu werfen." Er schnaufte zornig, zog an den Zügeln und spühte über die Schulter zu seinem Hauptmann. Als keine Antwort kam, fuhr er verdrossen fort: "Außerdem wird's bald losbrechen. Sauwetter, das! Wir schaffen's garantiert nicht mehr..."

Arrat Keswick verzog das Gesicht. Normalerweise ließ er seinen Burschen reden, wie er wollte. Aber er hatte Schmerzen. Dort wo er sich die Nackenwunde eingefangen hatte, rieb der Schultergürtel am Schorf. Außerdem schwitzte er, mit jedem Atemzug kamen ihm winzige Gewittermücken in die Nase. Und - nicht zu vergessen - einen Krieg hatte er auch gerade verloren. Verdiente das keine Rücksicht? Gereizt trieb er sein Pferd an dem Begleiter vorbei.

Der Weg schlängelte sich den Berg hinab, bis er auf die Heeresstraße stieß, die schnurgerade durch die Felder auf das mächtige Haupttor der Stadt zulief. Arrat ließ seinem Pferd die Zügel. Auf halber Strecke überholte er ein Weib mit einem Bündel Holz auf dem Rücken, dann, weiter unten, ein paar Bauern, die hastig eine Plane über das Getreide auf ihrem Karren zogen. Am Himmel blitzte es grell auf. über den Wolken begann es zu grollen, als brause dort eine Geisterarmee entlang. Man konnte den Regen schon riechen.

"Da haben wir's, Herr." Mart war es gelungen, seinen Hauptmann einzuholen. "Ich mein, wir sollten uns endlich unterstellen!"

"Drei Schritt vor der Stadt? Blödsinn. Die paar Tropfen werden dich schon nicht umbringen."

"Wie Ihr meint, Herr", schnappte Mart beleidigt. Sie hatten die Hauptstraße erreicht. Er meinte die Stimme heben, um das Klappern der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster zu übertönen. "Habt Ihr eigentlich gehört", brüllte er, "was sie da in den Wagenmeistereien geredet haben? In Scaven, mein ich? Die sagen, daß die Stadt voll von Edlen ist. Allein gestern und vorgestern sind dort... so wartet doch, Herr. Fünf Ratsherrn haben in Scaven haltgemacht! Und Winterman und tem Goork sollen schon seit letzter Woche in der Stadt sein. Ich weiß ja nicht, aber... also in meinen Ohren klingt das, als hätten sie den Großen Rat einberufen und... hört Ihr mir überhaupt zu, Herr?"

"Ja."

"Den Großen Rat! Das hatten wir seit dem Angriff auf Corvigne nicht mehr."

Ein Blitz flammte auf. Bruchteile von Sekunden schwebten die Spitzen der Türme wie lodernde Pfeile über der Stadt, bis ein gewaltiger Donnerschlag sie wieder in die Farblosigkeit zurückstieß.

"Manchmal denk ich, Ihr wollt mich nicht verstehen" schrie Mart gegen das Grollen an. "Dabei reden sie überall davon. Von Thyram, mein ich. Daß Ihr den Pass verloren habt. Und daß Sardeik mit seinen Mistkerlen vielleicht schon im Herbst vor Gorrota stehen wird. Und jetzt haben sie Euch hierher befohlen, und der ganze verfluchte Rat wartet auf Euch und... und Ihr, Herr, Ihr..." Er warf seinem Hauptmann einen verzweifelten Blick zu und platzte dann heraus: "Ihr schweigt und schweigt und schweigt!"

Arrat spürte die ersten Regentropfen am Hals. Die wenigen Minuten bis zum Stadttor würden ausreichen, sie bis auf die Haut zu durchnässen. Er streifte seine Jacke ab, rollte sie zusammen und stopfte sie unter den Mantel, den er hinter sich aufs Pferd geschnallt hatte.

"Natürlich", knurrte Mart, "es geht mich nichts an. Ich bin nichts als ein blöder Stiefelputzer. Sagt einfach, daß ich das Maul halten soll..."