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Kapitel 1
Wildenburg in der Eifel im Januar 1632
Der Mann, den sie hinrichten wollten, war schön. Er
hatte safrangelbes, lockiges Haar, das ihm der Wind aus dem Gesicht blies,
so zärtlich, als wollte er ihn das Grauen der letzten Tage vergessen
machen. Seine Augen spiegelten das gläserne Blau des Winterhimmels
wider. Sein Lächeln - er lächelte, trotz der Schmerzen, die
er litt - wirkte aufgekratzt. Natürlich ging er krumm, kaum dass
er sich auf den Beinen alten konnte. Langsam schlurfte er über die
Steine, mit denen Marsilius den Innenhof beim Palas hatte pflastern lassen.
Sein Arm war gebrochen, und die Fetzen, die ihm am Leib hingen, starrten
vor Schmutz und Blut. Er wusste, dass er sterben würde. Und er tat,
als machte ihm das nichts aus.
Fröstelnd zog Sophie ihren Mantel enger um das Wollkleid. Ihr Blick
folgte der grauen Katze, die auf der äußeren Burgmauer stolzierte
und nach einer Stelle suchte, von der aus sie über den Hang hinab
in die Felder klettern konnte. Sophie wünschte sich von Herzen, dass
sie ihr folgen könnte. Rennen und rennen, bis sie nach Hause kam.
Aber das ging natürlich nicht. Sie war jetzt verheiratet und musste
auf dem Burghof ausharren, wie Marsilius, ihr Ehemann, es angeordnet hatte.
Ich weiß, Mutter, dachte sie, ich weiß.
Der Morgen war sonnig. Von der Dachrinne des Palas tropften die Eiszapfen,
und auf dem Wohnturm quietschte der Wettervogel. Unter dem Wehrgang, der
sich vom exenturm um den Burghof zog, versuchten einige verwurmte Köter,
einander einen Knochen abzujagen. Ein alter Mann, der als verrückt
galt, pinkelte gegen die windschiefe Wand der Brennholzhütte. Mein
Reich, dachte Sophie, und ihr strich eine Gänsehaut über den
Rücken. Sie war siebzehn Jahre alt- und fühlte sich wie hundert.
Beklommen sah sie zu, wie der Verurteilte stehen blieb. Er hob das Gesicht
zu dem Gerüst, das Marsilius im Schatten des Palas hatte errichten
lassen. Auf dem olzblock, auf den man gleich seinen Kopf drücken
würde, lag eine Schicht flauschiger Schneeflocken. Ein sanftes, kaltes
Kissen. Neben dem Block stand der von isenringen umfasste alte Holzeimer,
in den der Henker seinen Kopf werfen würde, nachdem er ihn triumphierend
vor dem Publikum in die Höhe gehalten hatte. Hatte der Mann dieses
Bild ebenfalls vor sich? Sophie sah, wie seine Lippen sich kräuselten.
Sie zuckte zusammen, als sich mit wildem Geschrei ein Krähenschwarm
vom Dach des Palas hob. Es war, als wüssten die Vögel, dass
ihnen eine Mahlzeit bevorstand. Ihr wurde übel. Nicht nur ein bisschen
schwummrig, sondern richtig mit einem Würgen. Verkrampft atmete sie
in den Bauch hinein. Himmel, das fehlte noch, dass sie sich vor dem versammelten
Gesinde übergab! Sie war seit drei Wochen Herrin der Burg, aber niemand
gehorchte ihr, und ihr Mann platzte vor Ungeduld, weil sie nichts richtig
machte. Sie musste sich zusammenreißen. Marsilius hatte befohlen,
dass jeder Burgbewohner bei der Hinrichtung anwesend sein sollte, also
würde sie es durchstehen
Sie sah, wie der Henker dem Verurteilten einen Stoß in den Rücken
versetzte. Der Mann gab einen Schmerzenslaut von sich und murmelte, während
er sich wieder in Bewegung setzte: "Wozu die Eile, Dreckskerl? Dein
Herr ist noch nicht da. Soll er den besten Teil verpassen?" Obwohl
er leise sprach, drangen die Worte über den Hof. Einige vom Gesinde
lachten.
" Der kommt schon noch, halt uns nicht auf", brummte der Henker,
Es gab in der Wildenburger Herrschaft noch keinen Scharfrichter. Marsilius
hatte einen der Söldner, die der Krieg vor sein Burgtor geschwemmt
hatte, mit der Hinrichtung beauftragt. Der Mann war jung. Er hinkte stark
und schien beI runken zu sein. Sie hörte ihn verdrossen fluchen.
Wer einen Menschen hinrichtete, fiel so tief, wie ein Christ nur fallen
konnte. Er wurde ehrlos und durfte kein Handwerk mehr ausüben und
nicht einmal bei anständigen Männern in der Schenke am selben
Tisch sitzen. Vielleicht bekümmerte den Burschen das. Aber vielleicht
wurmte ihn auch nur das harte Stück Arbeit, das ihm bevorstand. Es
würde Kraft kosten, dem Blonden den Kopf vom kräftigen Hals
zu schlagen, und wenn es nicht auf Anhieb gelang, vielleicht nicht einmal
beim dritten oder vierten Hieb, richtete sich der Zorn der Menge oft gegen
den Henker selbst. Aber hier nicht, dachte Sophie. Dafür hatten die
Burgmannen zu viel Angst vor ihrem Herrn. Und Marsilius würde es
vielleicht sogar gefallen, wenn die ersten Hiebe nicht gar zu genau saßen.
Die graue Küchenkatze kam über den Hof gelaufen und strich dem
Verurteilten um die Beine. Die Berührung reichte aus, ihn ins Stolpern
zu bringen. Er stürzte auf die Knie, und während der Henker
ihn auf die Beine zurückzerrte, erblickte er die beiden leeren Stühle,
die Marsilius neben dem Brunnen hatte aufstellen lassen. "Holt euren
Herrn aus dem Bett seiner Hure. Sagt ihm, gefrorenes Fleisch zerlegt sich
schlecht!" Seine Stimme klang wie zerbrochen, aber der Blick war
voll wilden Hochmuts. Erst Augenblicke später bemerkte Sophie, dass
die Leute verstohlen zu ihr hinüberblickten. Sie spürte, wie
ihr das Blut ins Gesicht schoss. Die Hure, natürlich. Der Verurteilte
spielte auf Edith an. Nicht, dass er ein Geheimnis verriet. Marsilius
gab sich keine Mühe zu verbergen, mit wem erseine Nächte teilte.
Aber der Gefesselte war der Erste, der den Namen in ihrer Gegenwart aussprach,
und einen Moment lang hasste sie ihn für die Demütigung.
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