Leseprobe
 
 

1.Kapitel

Sie kehrten zurück.

Nell sprang von dem gemauerten Sitzplatz in der Fensternische auf und ließ das Hemd, an dem sie gerade einen dieser unangenehm ausgefransten Risse stopfte, zu Boden fallen. Die Kammer, die sie bewohnte, befand sich in einem der oberen Stockwerke der Burg, und so hatte sie freien Ausblick auf das Dorf, die honiggelben Felder und den dahinterliegenden schwarzen Wald, der die Reiter freigab.

Vier Männer in bunten Kleidern, auf die die Sommersonne strahlte. Sie schienen gesund zu sein, denn sie saßen alle tadellos im Sattel. Ihre Schwerter reflektierten das Licht. Dem vordersten wippte eine Feder am Hut. Sie sahen aus wie eine Jagdgesellschaft. Es war das Bild, auf das Nell drei Jahre lang gewartet hatte, und ihr Herz schlug im Galopp.

Und doch - als sie die Männer jetzt sah, schien etwas nicht zu stimmen.

Nell runzelte die Stirn. Sie brauchte einen Moment, um zu erkennen, was sie störte. Es war der Staub. Die Männer kehrten heim, nach unendlich lange Zeit in der Fremde, und ließen ihre Pferde so langsam gehen, dass kein Körnchen Staub vom ausgedörrten Boden aufgewirbelt wurde. Sie zuckelten dahin, als wäre ihnen nichts gleichgültiger als ihre Heimkehr.

Nervös klemmte Nell eine Haarsträhne unter das Gebende zurück. Sie versuchte, einzelne Personen zu unterscheiden, aber auf die Entfernung war das unmöglich. Alle trugen bunte, überwiegend rote Röcke, das schwarze Kreuz auf den flatternden Umhängen, die Decken und das andere Gepäck hinter den hohen Zwieseln.

Damals, als der Kaiser zum Kreuzzug aufgerufen hatte, war ihr Onkel mit mehr Pracht losgezogen. Vierzehn Mann hatten ihn begleitet. Ihre Pferde hatten Überwürfe aus grünem Samt getragen, die mit dem schwarzgoldenen Thannhäuser Wappen bestickt waren. Das Gesinde hatte wilde Nelken und Klatschmohnblüten geworfen, die Glocken der Burgkapelle läuteten, und der Kaplan war mit dem eisernen Kreuz, das er zu diesem Zweck vom Altar genommen hatte, dem Zug vorangeschritten. Der Onkel war im Heiligen Land einer Darmkrankheit erlegen, und nun kehrte der Rest seiner Truppe heim, ganze vier Mann - und sie quälten sich durch die Felder, als wäre es die Wüste von Aleppo. Nell kniff die Augen zusammen. Einer der Männer musste ihr Cousin sein. Aber sie konnte an keinem Reiter etwas Herrschaftliches entdecken. Niemand sah wie der künftige Gebieter von Thannhausen aus.

Sie fragte sich, wie die Leute im Dorf die armselige Ankunft ihres Herrn aufnehmen würden. Aber passte diese Rückkehr nicht zu dem wunderlichsten aller Kreuzzüge, in dem die Heilige Stadt, wie es hieß, durch Feilschen befreit worden war, als hätte ein Krämer die Heere geführt? Keine Schlacht war geschlagen, kein Ruhm gewonnen worden. Der Kaiser hatte mit den Ungläubigen Gelage feierte, ihre Botschafter zu Rittern erhoben und ihre Frauen geschwängert. Und auf ihm und all seinen Mitstreitern lag der Zorn des Heiligen Vaters.

Im Dorf war man mittlerweile auf die Reiter aufmerksam geworden. Die Männer und Frauen, die mit ihren Sicheln auf den Feldern am Fluß Gerste schnitten, drehten auf einen Zuruf die Köpfe, und ihre Kinder rannten los und scheuchten die Hühner auseinander. Nell sah, wie die Bauern die Röcke aus den Gürteln zogen und hinter der kreischenden Schar dreinliefen. Die Ankunft des Thannhäuser Herrn wurde dadurch nicht glanzvoller, aber zumindest begrüßten ihn Willkommensrufe, die von Herzen kamen. Seit Macks Vater ins Heilige Land gezogen war, hatte es zwei Hungerwinter mit vielen Toten gegeben, und nun freuten sich die Leute, weil sein Sohn heimkehrte und hoffentlich alles in Ordnung brachte. Der alte Thannhäuser war hart gewesen, aber er hatte sie am Leben gehalten.

"Komm in den Hof."

"Was?" Nell drehte sich um. Ralph, ihr Vater, stand in der Tür. In den Falten und Dellen seines feisten Gesichts glitzerte der Schweiß. Ralph schwitzte immer, aber an einem heißen Tag wie diesem dunstete er Wasser aus wie eine Schwarte ihr Fett in der Pfanne.

"Dein Bruder und dein Cousin. Sie sind zurück. Ich will, dass sie gebührend empfangen werden."

Nell merkte, dass Ralph sich ärgerte, weil sie ihn anstarrte. Verlegen senkte sie den Blick. Ihr Vater hatte einen dicken, festen Leib, aber spindeldürre Arme und Beine und hervorquellende Augen. Wenn er auftauchte, musste sie unwillkürlich an die blauschillernden Fliegen denken, die auf dem Fleisch in der Küche saßen. Aber er war cholerisch, und es empfahl sich nicht, ihn zu verärgern.

"Ich weiß nicht, welche Kammer ich vorbereiten soll", sagte sie.

Außer der Küche und dem Herrenraum gab es nur ein einziges Zimmer in der Burg, das zu beheizen war, und entsprechend stand dort auch das einzige komfortable Bett mit Baldachin und Vorhängen. Seit dem Tod der Tante vor zwei Jahren, dem Tag, an dem sie in die Thannhäuser Burg zurückgekehrt war, schlief dort Nells Vater. Er genoss den Luxus, zu dem er selbst immer zu arm gewesen war, und zweifellos traf ihn die Heimkehr seines Neffen hart. So viele waren im Heiligen Land gestorben. Da hätte es gern auch Mack treffen können.

Ralph trat zu Nell in den Sonnenstreifen, den das Mittagslicht durch das Fenster warf. Sie dachte, er wolle ihr Anweisungen geben. Stattdessen schlug er ihr unvermittelt die flache Hand ins Gesicht.

Hilflos sah sie ihm nach, als er den Raum verließ. Er sagte kein Wort. Er sagte nie etwas, wenn er sich über sie ärgerte, und auch sonst sprach er kaum mit ihr, obwohl er sich mit Gästen und sogar mit dem Gesinde gern und über jedes Thema ausgiebig unterhielt. Sie spürte, wie ihre Lippe anschwoll. Das und die Tränen, die ihr in die Augen stiegen, würden machen, dass sie wie eine Hexe aussah, wenn Mack in die Burg zurückkehrte. Nicht, dass es viel verderben würde. Jemand wie sie sah unter keinen Umständen schön aus. Nicht mit ihren buschigen Augenbrauen und dem ausgeprägten Kinn.

Sie würde, während die Männer aßen, das Zimmerchen hinter dem Saal ausfegen und mit Stroh bestreuen. Er war ein zugiges Durchgangszimmer, in dem die Katze ihre Jungen großzog, aber zumindest lag es schattig. Sie würde eine Strohmatratze und Decken auslegen. Und damit musste es gut sein.

Und wenn Mack sich wehrt?, dachte Nell, während sie langsam die Wendeltreppe in die unteren Räume hinabstieg. Ein atemberaubender Gedanke. Was, wenn er die lästige Verwandtschaft, die sich in seinem Haus eingenistet hatte, davonjagte? Wenn er als Mann heimkehrte, gestählt durch die Abenteuer, die auch dieser sonderbare Kreuzzug zweifellos bereitgehalten hatte?

Sie versuchte sich den linkischen sechzehnjährigen Jungen, der die Burg vor drei Jahren verlassen hatte, als selbstbewussten, kraftstrotzenden Riesen vorzustellen. Es gelang nicht. Mack glich den Schmetterlingen, die über die Wiesen taumelten, verspielt, von jeder Blüte bezaubert und von jedem Sonnenstrahl geküsst. Ein Träumer. Einer, der sich nicht merken konnte, dass man für versäumte Pflichten Prügel bezog. Er hat soviel Prügel erhalten, dachte Nell, dass sein Hintern wie gegerbtes Leder aussehen muss. Sie verzog die Lippen, ließ das Lächeln aber gleich wieder, weil ihr Mund schmerzte.

Mack machte sich nichts aus Strafen. Er schüttelte sich, sagte etwas, das zum Lachen reizte, und verschwand im Wald oder in einer der Hütten im Dorf, die ihm eigentlich verboten waren. Sogar vor der eigenen Schwertleite war er davongelaufen. Direkt aus dem Turnier, in dem er seine Fähigkeiten hätte unter Beweis stellen sollen. Keine Erklärung, keine Entschuldigung - einfach auf und davon und erst zwei Tage später wie ein begossener Pudel heimgekehrt.

Über diese Erinnerung konnte Nell nicht lächeln. Die Prügel, die Mack für diese Büberei kassierte, hatten die Wände beben lassen, und er war danach eine Woche lang für niemanden zu sprechen gewesen. Nell argwöhnte, dass sein Vater ihm den Arm gebrochen hatte, denn Mack hatte ihn längere Zeit unter dem Rock getragen. Die Wut des Vaters konnte Nell verstehen. Schaudern machte sie dagegen das Lachen seiner Mutter, das die Schmerzensschreie während der Züchtigung begleitet hatte. Das war eine von Nells grausigsten Erinnerungen. Dieses Lachen, das an jedem Schrei neu hoch perlte und in dem nicht der Hauch eines Kummers lag.

Aber die Tante war tot. Der Onkel war ebenfalls tot, und Mack war erwachsen. Sollte er sehen, wie er zurechtkam.

Unten, im Innenhof der Burg, hatte sich, von Ralph angetrieben, das Gesinde versammelt, eine armselige Meute in schäbigen Kleidern. Scheu drückten sie sich an den Wänden. Die beiden Hungerjahre hatten auch unter den Knechten und Dienstmägden ihren Tribut gefordert. Viele waren an Krankheiten gestorben, andere davongelaufen. Ihr Vater hatte sich erst gar nicht bemüht, sie wieder einzufangen. Nell argwöhnte, dass es ihm sogar gefiel, wie die Burg sich von den alten Bewohnern leerte. Ralphs Turm mit den wenigen Wirtschaftshäusern war kaum mehr als eine Ruine gewesen, und der Tod seiner Schwester ... nun ja, übermäßig betrauert hatte er sie nicht. Er bekam eine neue Heimstatt, und mit Nell hatte er jemanden, der sie sauber hielt.

"Er kehrt also zurück, der Bastard." Die dahingezischten Worte kamen von der alten Mathilde, der Amme der verstorbenen Burgherrin. Sie stand abseits in einer Nische als wäre sie aussätzig, und der Blick ihrer fast erblindeten Augen war undeutbar. Die meisten hatten die Bemerkung gar nicht beachtet, aber Nell zuckte schmerzlich zusammen. Sie hatte jedoch keine Zeit zu reagieren. Die Hufe der Pferde klapperten auf der Holzbrücke, und im nächsten Moment waren die Männer im Hof.

Nells Vater setzte seinen Fliegenleib in Bewegung. "Eberhard! Du bist gesund, du bist heim, mein Sohn, welch eine Freude. Und Mack ... Was für ein Tag des Stolzes. Matthäus, Alwin, die Pferde - Teufel, helft ihnen aus dem Sattel. Sollen die Eroberer des Heiligen Landes auf ihren Pferden verfaulen? Ein Tag der Freude, wahrhaftig ..."

Und Summ und Sirr und alles Heuchelei, dachte Nell verächtlich, während sie zusah, wie Eberhard umständlich vom Pferd stieg und sich von seinem Vater umarmen ließ. Das schlechte Gewissen packte sie, als ihr einfiel, dass sie ihrem jüngeren Bruder an diesem Tag noch keinen einzigen Gedanken gewidmet hatte. Dabei flog ihm auf der Stelle ihr Herz zu, als sie ihn mit seinen zwinkernden, kurzsichtigen Augen die Umgebung mustern sah. Sein Gesicht leuchtete.

"Ich ffreu mmich auch", stotterte er. Der Brunnen mit der hölzernen Überdachung, das Backhaus in der Ecke des Hofes, der hölzerne Verbindungsgang zwischen Turm und Wohnhaus ... er staunte alles an, als wäre es aus Gold gegossen, als ginge ihm erst jetzt auf, dass seine Reise zu Ende war.

Ralph winkte dem Küchenmädchen und nahm ihm einen Becher ab. Er ließ seinen Sohn trinken und legte ihm dabei den Arm um die Schulter. Als kröche eine Spinne mit ihren Fadenbeinen über die nächste Mahlzeit, dachte Nell. Aber da tat sie Ralph Unrecht. Wenn er auch niemanden liebte - an seinem Erben und einzigen Sohn hing er.

Der Herr der Burg saß derweil immer noch im Sattel. Widerstrebend, mit klopfendem Herzen nahm Nell ihn in Augenschein. Mack war ... nicht mehr der Junge von früher. Aber er hatte sich nicht zum Guten verändert. Seine weichen, brauen Locken waren ungepflegt, die Schultern hingen nach vorn. Er hatte sein Lächeln verloren und hielt den Kopf sonderbar schief wie ein Vogel, der einen Wurm beäugt und sich nicht entschließen kann, die Flügel auszubreiten.

Ein ... Versager, dachte Nell. Dadurch, dass er auf seinem Pferd blieb, während alle durcheinanderliefen, sonderte er sich ab. Er erhob nicht den leisesten Anspruch auf sein Recht. Und das bedeutete, dass er immer noch derselbe dumme Junge wie früher war, der nicht begriff, was vor seinen Augen ablief. Nell glaubte nicht, dass Ralph Eberhard aus Versehen zuerst den Becher gereicht hatte. Und sie ärgerte sich, dass Mack es wie ein Tropf hinnahm.

Brüsk drehte sie sich um und stieg in die Küche hinab, wo der kleine Jörg, der das Kochen übernommen hatte, nachdem die Köchin sich einen Kessel Brühe über die Beine gegossen hatte, einen Spieß mit Hasen drehte.

"Fertig?"

"Fast." Jörg nickte fahrig. Seine Kochkünste waren bescheiden. Und die Zeiten, in denen eine spendable Hausherrin für Pfeffer und andere Gewürze sorgte, so dass man den Geschmack fauligen oder verbrannten Fleisches überdecken konnte, vorbei.

"Sind die Ritter gesund und munter, Herrin?"

"Was? Oh - ja, ich denke schon. Etwas Rosmarin in die Suppe. Besseres als diese knorplige Zeug hatten wir nicht? Nein, reib die Blätter klein. So, zwischen den Fingern."

Mack war also heimgekehrt. Sein Körper war sehniger geworden, sein Haar länger, das Gesicht magerer. Aber mehr hatte die Kreuzfahrt nicht bewirkt. Die Jahre würden ihm Falten bescheren, aber er würde als Kind sterben.

Nell nahm den Besen und ging in den kleinen Raum, den sie als Schlafzimmer für Mack vorgesehen hatte. Wütend bearbeitete sie den Bretterboden. Sie hörte, wie ihr Vater mit den Heimkehrern redete. Gelegentlich antwortete einer der beiden Bewaffneten, die Mack und Eberhard begleitet hatten. Sie lachten miteinander. Eberhard machte eine holprige Bemerkung. Von Mack hörte man gar nichts.

Nell schob den Schmutz die Stufen hinab, holte ein Bündel Stroh aus dem Stall und warf es in die Ecke zwischen den beiden Türen. Zum Zudecken mochte Mack seinen Mantel benutzen, und wenn ihm nach Blumen zumute war, konnte er sich in den Wald verkriechen wie früher. Immer noch wütend kehrte Nell in ihre Kammer oben im Turm zurück. Sie setzte sich auf ihre Strohmatratze und brach in Tränen aus.


"Nell?"

Die Stimme drängte sich in ihren Traum.

"Nellie? Bist du wach?"

Sie regte sich und versuchte sich zu besinnen, wo sie war, denn in ihrem Traum hatte sie Körbe voller Erbsen gepult, in denen blaue Maden krochen. Ihre Tür stand offen, und ein eisiger Schreck packte sie. Aber dann sah sie, dass es nur Mack war, der ratlos mit einem Kienspan unter dem Türbalken stand und wartete.

"Bin ich, ja. Und alles andere wäre ein Wunder, so wie du rumbrüllst. Verschwinde, Mack. Du hast hier nichts zu suchen." Nell richtete sich auf, wobei sie ihre nackten Brüste bis zum Hals mit dem Laken bedeckte.

"Ich dachte ... ich hatte noch gar keine Gelegenheit, dich zu begrüßen."

"Und du meinst, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt?"

"Na ja ..." Er trat näher, steckte den Kienspan in die Wandhalterung und wollte zum Bett kommen. Blitzschnell griff Nell unter ihr Laken und riss einen Knüppel hervor.

"Du bist der Herr dieser Burg, das ja. Aber mehr nicht. Wenn dir die Hose juckt, Mack Thannhäuser, sieh dich woanders um."

Er starrte sie an. "Du schläfst ... mit einem Stock im Bett?"

"Es gibt Merkwürdigeres."

"Tja ...", meinte er hilflos.

"Was willst du?"

"Ich ... nichts. Eine freundliche Seele sehen. Ehrlich, Nell."

"Eine freundliche Seele ohne Kleider und Haube. Du bist ein Schmutzfink. Scher dich davon."

Er nickte und kehrte sich gehorsam wieder zur Tür.

"Du solltest dich schämen!" Sie sah, wie er nach dem Kniespan griff. "Warte."

"Was denn nun? Davonscheren oder warten?" Er lächelte sie über die Schulter an. Es war sein erstes Lächeln, seit er heimgekommen war, und nur ein Schatten seiner früheren Fröhlichkeit, aber Nells Herz machte einen Hüpfer. Betont ruppig schob sie ihren Knüppel unter die Decke zurück.

"Erzähl. Hat Ralph dich mit Respekt behandelt?"

"Mit dem ehrlichen Respekt eines Fuchses für das Hühnchen. Er hat mir Pfeffer vorgesetzt, den er mit etwas Saubraten würzte, bis mir das Feuer aus dem Mund schlug."

"Es gibt keinen Pfeffer in der Küche."

"Für das Hühnchen doch." Das Lächeln wurde breiter. "So geht es unter Füchsen zu, Nell. Erst der Pfeffer und dann Wein. Und der Wein kam auch nicht aus der Küche."

Sie starrte ihn mit offenem Mund an.

"Das schadete aber nichts", fuhr Mack fort, "weil ich einen Krug Wasser aus der Küche geholt habe. Nur bin ich heute abend ... Ich bin müde."

"Aber warum ...?"

"Ganz scheußlich müde, sogar. Ich bin so müde, dass mich mit Sicherheit nichts aufwecken würde, wenn ich erst einmal die Augen zu habe. Und das macht mir Sorgen, und darum bin ich raufgekommen, weil ich dachte ..."

Ja, er hatte einen daumenbreiten, schwarzen Rand um die Augen, der sich von seinem Gesicht wie eine Eulenmarkierung abhob. Nell starrte immer noch, und Mack wurde plötzlich verlegen.

"Jedenfalls freue ich mich, dass ich dir gute Nacht sagen konnte." Er zog den Kienspan aus dem Eisenring.

"Du kannst dich in die Ecke legen", platzte Nell heraus. Sie griff hinter sich und zog eines der mit zahllosen Flicken besetzten Kissen vor, auf denen sie schlief. Mack fing es mit der freien Hand. Er bedankte sich und drückte die Fackel am Stein aus. Er musste wirklich müde wie der Tod sein, denn nur einen Moment, nachdem er sich ausgestreckt hatte, hörte sie seinen gleichmäßigen Atem.

Als Nells Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie sein weißes Gesicht unter dem Fenster. Er schlief mit dem Arm im Nacken, die braunen, viel zu langen Locken flossen ihm über den Ellbogen. Sein Mund war so sorgfältig geschlossen, als müsse er sich selbst im Traum in acht nehmen.

Er tat ihr leid, wie er ihr immer leid getan hatte.