Leseprobe
 
 

1.Kapitel

Nell saß im Gras. Die Sonne brannte, ihr braunes, langes Haar glänzte wie ein Rehfell. Sie hatte den Rock bis zu den weißen Oberschenkeln hochgezogen – was völlig in Ordnung war. Nichts an ihrer Pose wirkte aufreizend oder gar vulgär. Nell war Nell. Sie hatte keine Ahnung, wie man sich verstellte. Eher hätte sich die Sonne in eine Steckrübe verwandelt, als dass Nell Verführungsmethoden ersonnen hätte. Allmächtiger, wie ich sie liebe, dachte Mack mit Inbrunst und bedauerte, dass es ihm – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich war, zu ihr zu gelangen.
Er mochte es, wie sie lachte, mit diesem dunklen Ton in der Stimme, diesem Kollern. Er mochte auch, wie sie den Mund dabei verzog, obwohl Nell ihm einen Knuff versetzt hätte, wenn er es erwähnt gesagt hätte. Mein Mund ist wie ein Scheunentor, hatte sie einmal gesagt, in diesem Tonfall, in dem man eine ewige Wahrheit verkündet. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn er etwas an ihr lobte, was ihr selbst nicht gefiel.
Bunte Punkt erschienen am Waldrand und kamen rasch näher. Sie begannen Nell zu umflattern. Nell fuchtelte mit den Händen, aber dann merkte sie, dass sie von Schmetterlingen umschwärmt wurde, und wieder ertönte ihr hinreißendes Lachen. Einer der Schmetterlinge flog auf ihre ausgestreckte Hand, ein anderer setzte sich auf ihr weißes Häubchen. Eigentlich hübsch, die bunten Tupfen, dachte Mack.
Er wollte aufstehen, und plötzlich störte es ihn, dass er sich nicht rühren konnte. Was zum Teufel war mit ihm los? Als hätte man ihm Blei in die Glieder gegossen. Als hätte …
Er blickte zu Nell. Immer mehr Falter sammelten sich bei ihr und ließen sich auf ihr nieder. Inzwischen war ihr ganzer Körper von ihnen bedeckt. Rote, bläuliche, grüne Schmetterlinge – sie sah aus wie eine fremdartige Blume. Nell, zur Hölle, warum lässt du zu, dass sie auf deinen Lippen sitzen?
Man muss sie warnen!
Einige Falter, die keinen Platz mehr bei ihr fanden, lösten sich aus dem Schwarm – wer hätte je von einem Schmetterlingsschwarm gehört? – und schaukelten zu dem Platz, an dem Mack kauerte. Sie hatten brandrote Flügel, und als sie sich näherten, merkte er, dass sie Hitze ausströmten wie kleine glühende Hufeisen. Erschrocken riss er den Kopf. Dass Nell nichts merkte! Dass sie immer noch lachte und ihren verletzlichen Körper den Faltern darbot.
Die Schmetterlinge berührten Mack nicht. Sie umkreisten ihn und schienen auf etwas zu lauern. Funken sprangen von ihren Flügeln. Sie stierten ihn an, und alles Leichtflüglige fiel von ihnen ab.
Mack begann schreien.
Nell brannte. Nell ... Nell …
Es war dunkel. Er lag auf dem Rücken und starrte benommen an die ... genau, an die Decke der kleinen Fischerhütte, die er und Nell in Besitz genommen hatten. Die Sterne, die ihm vor den Augen tanzten, konnten durchaus ebenfalls als Schmetterlinge durchgehen. Er schüttelte sich, ohne das Bild wirklich loswerden zu können. In seinem Mund haftete ein ekliger Geschmack. Ungelenk erhob er sich und blinzelte in den Raum, bis seine Augen sich an das düstere Licht gewöhnt hatten.
Die Hütte bestand nur aus einem einzigen Zimmerchen. Ihr Erbauer hatte keinen Wert auf sorgfältige Arbeit gelegt, wahrscheinlich hatte der Unterstand nur einen Sommer halten sollen, und so drang durch etliche Ritzen Sonnenschein. Mack konnte den Tisch erkennen, an dem Nell ihre Mahlzeiten vorbereitete, und die provisorische Feuerstelle in der Mitte des Raums, die er ihr aus Steinen zusammengebaut hatte. Die Scheite vom vergangenen Abend waren ausgeglüht, trotzdem machte er einen misstrauischen Bogen um sie, als er zur Tür ging.
Sie hatten sich als Zufluchtsort für die Zeit, bis Nell wieder reisen konnte, einen hübschen Ort ausgesucht. Eine Lichtung in einem Waldstück. Sie lag so weit von der nächsten Straße entfernt, dass bisher noch niemand ihre Ruhe gestört hatte. Einen Steinwurf entfernt glitzerte ein kleiner See, in dem Mack fischte, wenn die nächste Mahlzeit anstand. Es ist vollkommen, dachte er, auch wenn er selbst es vorgezogen hätte, im Freien zu schlafen. Eine Hütte zog die Blicke auf sich. Wer im Unterholz schlief, war nahezu unsichtbar. Aber nun lebte er mit einer Frau und einem Säugling zusammen, und da musste man sich umgewöhnen.
Er versuchte, nach dem Stand der Sonne die Zeit zu schätzen. Es musste später Nachmittag sein. Der Weg zum Dorf und zurück dauerte seine Zeit, aber trotzdem wurde er unruhig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Nell sich aus dem Wald nicht fortgerührt. Aber Nell etwas vorzuschreiben, war fast unmöglich, das hatte er rasch gelernt. Sie brauchte Windeln für das Kind und sehnte sich vielleicht nach menschlicher Gesellschaft. Da war sie eben gegangen.