Leseprobe
 
 

1. Kapitel

Großvater ist tot. Was hat der Mensch zu fühlen, wenn er so eine Nachricht erhält? Trauer? Auflehnung? Verzweiflung? Frida strich über das Telegramm, das vor ihr auf dem schmalen Holzpult lag. Ihre Hände zitterten leicht. Das Stimmengewirr ihrer Mitstudenten – fast ausschließlich Männer, angehende Ärzte in Hemd und Weste, mit Nickelbrillen und tintenbefleckten Fingern – erfüllte die Luft. Gelächter, Besserwisserei, kleinlaute Fragen der Faulpelze und Fetzen verwegener Flirts mit den wenigen Studentinnen drangen an ihr Ohr. An gewöhnlichen Tagen liebte sie diese Atmosphäre, sie gab ihr das Gefühl, lebendig und in ihrem Element zu sein. Aber heute fühlte sich jeder Laut wie ein Peitschenhieb an. Die blau und orange bemalte Stuckdecke senkte sich herab, als wollte sie sie erdrücken, das Sonnenlicht verblasste. Frida legte die Hände flach auf das Papier. Durch ihren Kopf zogen längst vergangene Szenen: Tabakrauch in Großvaters Stube, seine krächzende Stimme, die aus dem eisgrauen Bart drang, Schenkelklopfen, scharf gezischte Vorwürfe, verlegene Küsse ... Die Bilder waren da, aber Gefühle dazu wollten sich einfach nicht einstellen. Dabei war es doch Großpapa gewesen, der sie zu dem Menschen geformt hatte, der sie heute war. Er hatte sie seit ihrer Kindheit ermutigt, Dinge auszuprobieren, ihr später gegen den Willen der Mutter zugeredet, sich in Hamburg zur Krankenschwester ausbilden zu lassen, und sogar die Kosten dafür getragen. Ohne ihn säße sie jetzt immer noch auf Amrum, womöglich gefangen in einer dumpfen Ehe. Sie war ihm also von Herzen dankbar. Warum war ihr trotzdem so leer zumute? Frida meinte die Stimme ihrer Mutter zu hören: Zu viel Verstand, zu wenig Gemüt, das ist deine Schwäche, Kind. „Was steht denn drin?“ Annemie, ihre Kommilitonin, stieß mit dem Fuß gegen ihr Bein. Sie hatte ihr das Telegramm aus dem Erikahaus mitgebracht, dem Wohnheim der Krankenschwestern, wo es am Vormittag abgegeben worden war. Frida suchte nach Worten, kam aber nicht zum Antworten, weil Professor Schneider ans Pult trat und sein Manuskript zurechtrückte. „Nun sag schon“, zischte Annemie. „Von …“ „Könnte man die beiden Damen in der fünften Reihe überreden, ihr Schwätzchen nach der Vorlesung weiterzuführen?“, fiel Schneider ihr in Wort. Er hielt nichts von Frauen an Universitäten und ließ es die Studentinnen bei jeder Gelegenheit spüren. Frida wartete ab, bis er aus seiner Kladde vorzutragen begann. Dann senkte sie unauffällig den Blick auf das braune Papier und überflog noch einmal die wenigen Worte. Aufgegeben: Telegrafenstation Wittdün auf Amrum. Datum: 6. April 1920. Adressat Frida Kirschbaum. Inhalt: Großvater ist tot. Unvermittelt stieg Zorn in ihr auf. Wie hatte Mutter nur ein so herzloses Telegramm aufgeben können? Es hätte heißen müssen: Dein geliebter Großpapa ist heute Nacht verschieden. Komm bitte zu uns nach Hause. In Liebe, deine Mutter. Hatte sie sich aus Geiz so kurz gefasst? Oder drückte sie mit den dürren Worten ihre tiefsitzende Abneigung gegen Großpapa aus? „Es wäre erfreulich, wenn Sie sich endlich den Folgen langanhaltender Hypertonie zuwenden könnten, junge Frau!“ Vierzig Studenten und acht Studentinnen bevölkerten den kleinen Hörsaal der medizinischen Fakultät. Alle starrten Frida jetzt an. Vor allem die Frauen in ihren adretten Blusen blickten vorwurfsvoll. Sie kämpften täglich mit dem Vorurteil, für den Arztberuf zu empfindlich zu sein, in dramatischen Situationen zu unentschlossen und natürlich auch zu dumm. Entsprechend hassten sie es, wenn eine von ihnen bei einem Fauxpas ertappt wurde. Frida blickte verkrampft auf den Professor, der seinen Vortrag wieder aufgenommen hatte und nun storchenhaft vor den Bankreihen auf und ab stolzierte. „ … muss man wissen, dass Hypertonie häufig durch eine Verengung der Nierenarterie verursacht …“ Ihre Hand lag auf dem Telegramm, das Papier fühlte sich an wie ein heißes Blech, und endlich gestand sie sich ein, warum sie kaum Trauer verspüren konnte. Sie hatte Großpapa immer noch nicht den Spott vergeben, den sie über sich hatte ergehen lassen müssen, als sie ihm offenbarte, dass sie Medizin studieren wolle. Flausen, Weiber werden hysterisch, wenn es knifflig wird, sie sind nicht hart genug, der Mensch muss seinen Platz kennen … Als sie sich trotzdem einschrieb, hatte er ihr kalt den Geldhahn zugedreht. Du kommst schon noch zurückgekrochen. War sie aber nicht, und bei ihren anschließenden Besuchen auf der Insel hatte Großpapa sie kühl behandelt. „… hören wir zu diesem Thema unseren ausländischen Gast, Herrn Dr. Tylor.“ Die Stille, die Schneiders Worten folgte, ließ Frida aufschrecken. Verstohlen beobachtete sie den korrekt gekleideten Mann, der neben den Bankreihen die Treppe hinabstieg. James Tylor arbeitete erst seit wenigen Monaten in der Eppendorfer Klinik. Ein Engländer, guter Internist, hieß es, aber langweilig. Frida war ihm einige Male zwischen den Krankenhauspavillons begegnet. „Was ist denn nun?“, wisperte Annemie, aber Frida reagierte nicht. Nur kein weiterer Rüffel! Tylor hatte das Pult erreicht – ohne Kladde, fiel ihr auf. Er war noch jung, sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, mit beginnenden Geheimratsecken und einem klugen, aber verschlossenen Gesicht. Frida wusste, dass Schneider ihn hasste. Der Professor hatte im Krieg vier Söhne verloren. Der Engländer war für ihn der Mörder seiner Kinder, und er hatte sich lange gegen seine Anstellung an der Eppendorfer Klinik gesträubt. Angeblich hatte er sogar gedroht, die Klinik im Fall des Falles zu verlassen, diese Drohung dann aber doch nicht umgesetzt. Seine verächtlich herabgezogenen Mundwinkel zeigten, wie sehr er hoffte, sein Kollege würde sich blamieren. Doch Tylor dozierte kenntnisreich über die Ursachen der Hypertonie. „… renovaskulär durch eine Verengung der Nierenarterie, parenchymal durch eine Nierenkrankheit … Im Anfangsstadium kann der Bluthochdruck ohne äußere Beschwerden verlaufen, aber wenn er chronisch wird, äußert er sich oft in Müdigkeit, Kopfschmerz und einer Verminderung der Leistungs…“ Frida verlor sich erneut in Grübeleien. Warum hatte ihr niemand geschrieben, dass Großpapa leidend war? Oder war sein Tod überraschend gekommen? Ihre Schreckstarre löste sich in Vorwürfen auf. Sie hätte über Weihnachten nach Hause auf die Insel fahren sollen. Vielleicht hätte sie Symptome entdeckt und ihm helfen können, vielleicht würde er noch leben, wenn sie sich nicht hätte überreden lassen, während der Weihnachtsfeiertage Dienst zu tun. Nun kamen sie doch, die Tränen. Verstohlen wischte sie sie mit der Spitze des kleinen Fingers aus dem Augenwinkel. Sie merkte, dass Tylor sie beobachtete, und senkte den Kopf. Sie war stark, niemand sollte sie weinen sehen. Plötzlich kam ihr ein weiterer entsetzlicher Gedanke: Sie musste natürlich zur Beerdigung heim nach Amrum fahren. Und das hieß, dass sie wenigstens eine Woche bei der Arbeit und den Vorlesungen fehlen würde. Aber das konnte sie sich auf keinen Fall leisten. Ihr wurde kalt und ein bisschen übel.
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