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Prolog
Montecatini, Toskana, Mai 1782
Guido Bortolin trank den letzten Schluck des Tages immer auf der Holzbank
vor seiner kleinen Hütte ein. Er liebte den toskanischen Himmel,
der ihn und sein Heim nachts mit einer blauen Decke voller funkelnder
Sterne bedeckte. Er liebte den Geruch der Kräuter und Wildblumen,
die im hinteren Teil des Waisenhausgartens wucherten. Er liebte das Konzert
der Grillen und sogar die emsigen kleinen Mücken, die ihn niemals
stachen, weil sie wussten, dass er ebenfalls einer von den Emsigen war.
Gott meinte es gut mit ihm.
Zufrieden schaute der Gärtner zu den Bohnenbeeten, mit denen er die
Waisenkinder ernährte, und dann wieder zum Himmel. Er war angenehm
betrunken, und auch das gefiel ihm. Salute!
Als ihm kalt wurde - es ging bereits auf Mitternacht zu - stand er auf.
Zeit zum Schlafen, dachte er mit einem gemütvollen Gähnen, aber
die Düfte der Nacht verführten ihn noch zu einigen Schritten.
Liebvoll streichelte er die gelben Blüten des Besenginsters und schaute
nach den beiden kleinen Pfirsichbäumen, die er im vergangenen Jahr
gepflanzt hatte und die ihm den Mist aus der Abortgrube mit einem prächtigen
Wuchs dankten.
Und dann sah er die Frau.
Sie kam aus dem westlichen Teil des Gartens, wo nichts als Unkraut spross,
weil der Boden für Gemüse zu steinig war. Weiße Kleider
bedeckten ihren Körper, und ihr Gesicht war hinter einem ebenfalls
weißen Schleier verschwunden. Entsetzt tastete Guido nach dem Pfirsichstämmchen,
um sich festzuhalten. Er zwinkerte.
Als sein Blick wieder klar wurde, war die Frau verschwunden. Der Wein,
dachte er benommen, dieser verflixte Wein! Er wollte schon kehrtmachen,
aber da merkte er, dass die Frau nur einige Schritte weitergegangen war.
Auf das Haus zu. Der Wind blähte die Schleier, und sie wirkte hell
und strahlend vor den schwarzen Büschen, und das Licht, das sie trug,
flackerte im Mondschein.
Nun packte ihn die Angst. Er war ja nicht dumm. Er wusste, was hier los
war. Großtante Duilia hatte oft genug davon erzählt - am Familientisch
und nachts, wenn er mit seinen Brüdern bei ihr im Bett lag. Sie war
eine Dame von enormer Fülle gewesen, und an ihren weichen Leib gebettet
hatte er die Geschichten von Rachele, der Kindesmörderin, geliebt.
Aber jetzt, als er hier stand, leibhaftig und allein, fuhr ihm die Angst
wie ein Blähfurz durch den Leib.
Benommen sah er zu, wie die Weiße auf den schmalen Wegen zwischen
den Beeten zu der schäbigen Villa schwebte. Sie kannte sich aus,
natürlich. Schließlich hatte sie hier gelebt. Als Kind und
später als junge, verheiratete Frau. Ihr Ehemann hatte darauf bestanden,
dass sie im Haus ihrer Eltern wohnen blieb, weil er sich vor ihr fürchtete,
wie Großtante Duilia erzählte.
Dort oben in dem Turm, der an den westlichen Teil der Villa angebaut war,
hatte man ihr ein Zimmer eingerichtet, das sie nicht verlassen durfte,
denn sie war ein bösartiges Geschöpf, das die Bediensteten erschreckte
und quälte. Besonders die Kinder. Weil Kinderchen unschuldig sind,
hatte Tante Duilia erklärt, und das Böse hasst die Unschuld.
Ihrem Reitburschen hatte sie mit der bloßen Faust das linke Auge
ausgeschlagen. Und dem Küchenmädchen kochende Ribollita über
die Brust gegossen, woran das arme Wesen später auch gestorben war.
Und jetzt ging sie zu ihnen. Zu den Kinderchen, die dort im Haus arglos
in ihren Strohbettchen lagen und schliefen.
Guido merkte, wie die Flasche aus der Hand glitt. Jede Faser seines Körpers
sehnte sich zurück zur Hütte, er wollte unter die rote Wolldecke
kriechen, sich das Kissen unter die Wange stopfen und alles vergessen.
Stattdessen verharrte er auf seinem Platz zwischen den Pfirsichbäumchen
und stierte zum Haus hinüber. Rachele hatte ihr Kind mit in den Turm
nehmen müssen, denn der Vater hatte sich von einem Säugling,
den sie pflegen musste, eine Verbesserung ihres Zustandes erhofft. Erweichte
das Lachen eines Kindes nicht jeder Mutter Herz? Doch dann hatte die Amme
Rachele dabei erwischt, wie sie den Jungen ersticken wollte. Allerdings
hatte sie der Herrschaft nichts davon berichtet, weil sie fürchtete,
für ihre Unachtsamkeit gescholten zu werden.
Ich bin achtsam, dachte Guido mit einem kalten Schauer auf dem Rücken.
Aber ich laufe auch nicht los und reiße Assunta aus dem Schlaf.
Erschrocken stand er da und wurde Zeuge, wie Rachele die kleine Tür
des Dienstboteneingangs öffnete. Sie verschwand, und mit ihr die
Lampe.
Guido wandte den Kopf und schaute zu den Turmfenstern, überzeugt,
dass hinter ihnen das Licht wieder auftauchen würde, wenn Rachele
den Raum erreichte, in dem sie ihr Kindlein schließlich ermordet
hatte.
Doch die kleinen Wanddurchbrüche blieben dunkel.
Guido bückte sich langsam und hob seine Flasche auf. Er hatte Mühe,
zu seiner Hütte zurückzufinden, verstört und betrunken
wie er war. Als er zu dem Besenginster kam - dem letzten Ort, von dem
aus man freie Sicht auf die Villa hatte - entdeckte er den Lampenschein
erneut. Die Flamme war nicht zum Turm gewandert, sie irrlichterte durch
den Schlafsaal der Buben.
Seine Augen weiteten sich, als ihm klar wurde, was das bedeutete.
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