Leseprobe
 
 

Prolog
Dorstadts Küste, im Sommer 837


Vom Wind zerrupfte Wolken. Möwen, die über ein blau-rot gestreiftes Segel gleiten. Dazwischen der Schrei: „Giiiislaaa!“ Vater brüllt ihren Namen.
Die Ruderer greifen nach den Riemen. Das Boot ruckelt sich in Bewegung, bald schießt es durch die See. Am Bug hebt und senkt sich der Drachenkopf, Gischt spritzt auf ihren Körper. Alles ist Schmerz. Spitze, rote Zähne haben sich in ihren Unterleib verbissen und wüten darin.
„Giiiislaaa!“
Sie muss ihm antworten und ruft seinen Namen. Oder denkt sie nur, dass sie es tut? Ein Mann mit einem eisernen Helm beugt sich über sie. Seine Augen funkelten durch die Löcher über dem Nasenschutz. „Heb mit an, Afdrif!“ Er grinst. Seine Zähne sind rot bemalt, er sieht aus wie ein Hund, der ein Huhn gerissen hat. Gisla wird gepackt, und zwei Männer heben sie johlend in die Höhe, so dass ihr Gesicht zum nahen Ufer weist.
„Giiiislaaa …“ Vaters Stimme klingt jetzt voller Qual. Die Männer lachen und lassen sie wieder auf die Planken fallen. Neben ihr bewegen sich die Ruderer rhythmisch vor und zurück. Ihre Kleider sind von Blut durchtränkt. Sie kann kaum atmen vor Schmerz.
Irgendwann beginnt es zu regnen. Es ist Nacht. Dann Morgen. Die Sonne scheint so grell, dass sie die Augen schließen muss. Sie schreit. Und wieder Dunkelheit. Und wieder Sonne.
Benommen schreckt sie hoch, als ein Ruck durch das Boot geht. Haben sie angelegt? Ja, Gelächter, Hundegebell und ausgelassene Rufe tönen ihnen vom Ufer entgegen. Der Mann mit den roten Zähnen reißt sie auf die Füße und zwingt sie, über die Bootswand auf einen Steg zu klettern. Gisla stolpert, er zieht sie wieder auf die Beine. Sie sieht, dass ihr goldenes Kleid in Höhe der Scham einen dunklen Flecken aufweist, und beginnt zu weinen. Wo ist Vater?
Der Mann mit den roten Zähnen schüttelt sie und stößt sie zu einer Frau, die sie weiterzerrt. Das Weib beschimpft sie in einer fremden Sprache. Es geht durch einen Wald. Wie seltsam unbeschwert die Vögel Gottes Lob verkündeten. Als schwebten sie mit ihm über aller irdischer Not.
Dann tauchen Häuser auf. Die Wände sind aus Holz, die tiefgezogenen Dächer aus erdfarbenem Schilf. Bohlenwege verbinden die krummen Gebäude. Hinter einem Zaun strecken sich Wiesen, dazwischen Felder, auf denen Getreide wogt. Die Frau stößt sie in einen Raum. Sie hat blonde Haare und ein strenges, hageres Gesicht mit einer kleinen Wunde unter der Nase. Grob weist sie auf einen mit Wasser gefüllten Bottich in der Mitte des Raums und reicht ihr einen Lappen.
Als Gisla sich nicht rührt, öffnet sie das goldene Kleid und zieht es ihr vom Körper. Sie sagt etwas. Es klingt freundlicher, und Gisla bemüht sich um ein Lächeln, das ihr aber sofort wieder aus den Mundwinkeln rutscht. Die Frau legt das Kleid auf einen Schemel. Es ist kostbar. Sicher soll es später gewaschen werden. Sie deutet auf den Bottich, und Gisla begreift, dass sie sich säubern soll. Unsicher taucht sie den Lappen in den Bottich. Als sie das kalte Wasser auf der Haut spürt, wird ihr Kopf klarer. Und plötzlich kehrt die Erinnerung zurück. Die Kathedrale in Dorstadt. Der Bischof, der das Kreuz gegen die feindlichen Angreifer schwingt. Dann der Fremde über ihr, die Pein, die Scham ... Ja, Wasser ist nötig, sie braucht es dringender als alles andere. Heftig reibt sie über die Haut, scheuert die weiche Stelle zwischen ihren Oberschenkeln – und kann damit erst aufhören, als die Frau ihr eine Ohrfeige gibt und ihr den Lappen mit Gewalt entreißt.
Sie soll ein Kleid aus grober, ungefärbter Wolle überziehen. Gisla gehorcht. „Elva“, sagte die Frau und deutet auf die eigene Brust. Gisla überlegt, ob sie ihren eigenen Namen nennen soll. Und entscheidet sich dagegen. Sie wird ja nicht hier bleiben. Vater wird ihr folgen und in kurzer Zeit hier sein. Er ist stark und klug. Er wird sie heim nach Dorstadt bringen. Daran besteht kein Zweifel.
Vater wird mich holen
...