Leseprobe
 
 

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1.Kapitel

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Nürnberg im Jahre des Herrn 1522

Das Schicksal lächelte, es sang von goldenen Zeiten und breitete mütterlich die Arme aus, in der Nacht, in der es Zenzi Nabholz ins Verderben führen wollte.
„Vom Himmel schüttet´s wie Pisse. Da kriecht keiner aus dem Bett. Du hast nicht mehr Risiko wie ´ne Laus tragen kann“, raunte es verführerisch, während Zenzi sich mit einem brennenden Kienspan durch den unterirdischen Stollen tastete.
Der Gang führte vom Johannisfriedhof unter das Hallertürlein, von dort zur Weißgerbergasse und dann in das Lager des Hutmachers Adam Seidl. Zenzi und ihr Freund Utz waren mutterseelenallein in dem muffigen Schacht aus Mauerstein und gebrochenem Fels. Geborgen wie in Abrahams Schoß. Alles ohne Risiko.
„Und der Seidl hat drei Tage lang Hochzeit gehalten“, säuselte das Schicksal. „Die sind so sternhagelvoll wie die Gäste vom lieben Herrn Jesus bei der Hochzeit von Kanaan!“
„Jawohl!“, hätte Zenzi fast gesagt, weil nämlich jedes einzelne Wort stimmte. Aber sie ließ es sein. Wenn sie ehrlich war, schlug ihr das Herz nämlich bis zum Hals. Jedes Geräusch, das sie machte, wurde von den Wänden zurückgeworfen, als säßen dort Kobolde, die sie verulkten. Und auch die Dunkelheit machte ihr zu schaffen. Die Fackel erhellte immer nur einen Fußbreit Boden, und was sie dort sah, war eklig. An der Seiten des Stollen strömte in einer breiten Rinne Wasser, und über den Ziegeln, mit denen man das Bächlein abgedeckt hatte, flitzten Ratten und anderes Getier. Noch grausliger waren die Fledermäuse, die über ihren Köpfen segelten, hieß es doch, dass diese Viecher mit dem Schlag ihres Flügels einen Menschen erblinden lassen konnten. Und nun senkte sich auch noch der Boden, und das Wasser spülte um ihre Knöchel, und eine Ratte wischte um ihr Bein, als wollte sie beißen. Sie trat nach dem Vieh.
„Das geht nich gut“, brummte Utz, der hinter ihr ging und dessen Schatten mit ihrem eigenen über die Wände zog. Ihr alter Freund besaß zu wenig Fantasie, um sich vor Ratten und Fledermäusen zu fürchten, aber mulmig war ihm auch.
„Ach was, wir kriegen das hin!“, sagte Zenzi großspurig, doch auch ihr war klar, dass sie noch nie im Leben ein größeres Wagnis auf sich genommen hatten.
Sie hatten den Eingang zum Stollen vor einigen Tagen im verfallenen Keller des Siechkobels auf dem Johannisfriedhof entdeckt. Es war ein Zufallsfund gewesen, ein Gückstreffer, wie er nur selten vorkam. In den dreckigen Armeleutegässchen an der Stadtmauer, wo Zenzi den Hauptteil ihres jungen Lebens verbracht hatte, munkelte man schon lange, dass der Nürnberger Rat heimlich Gänge in den felsigen Untergrund der Stadt schlagen ließ, um im Fall einer Belagerung die Wasserversorgung sicherzustellen. Und natürlich hätte das halbseidene Gesindel nur gar zu gern gewusst, wo sich diese kostbaren Schleich- und Fluchtwege befanden. Aber der Rat hielt die Lage streng geheim. Und als gerade sie, Zenzi Nabholz, einen davon entdeckt hatte, konnte sie sich doch nicht einfach dumm stellen.
Natürlich war sie nicht blauäugig gewesen. Sie hatte ihre Entdeckung für sich behalten und den Stollen zunächst sorgfältig ausgekundschaftet, und zwar mehrere Tage lang. An einem davon hatte sie den Zugang zu Seidls Lager entdeckt – und da war es mit ihrer Beherrschung vorbei gewesen. Sie hatte eine Möglichkeit gefunden, ohne Risiko, in aller Ruhe, das Lager eines reichen Kaufmanns auszuräumen! Ein Blick, den Zenzi bei nächster Gelegenheit in seine Auslagen warf, hatte sie schier weinen lassen vor Glück. Goldene Calotten jubelten ihr entgegen, Samtbarette mit Klunkern dran, die wie Edelsteine aussahen, perlenbestickte Haarhauben und Hüte, an denen mit silbernen Münzen Pfauenfedern befestigt waren.
Nicht dass Zenzi sich für Hüte interessiert hätte. In ihrem Kopf hatte sich die Pracht umgehend in glitzernde Silbergulden verwandelt. Sie brauchte nämlich dringend Geld, weil der Kracker-Veit seine Garküche verkaufen wollte. Veit schob das rostige Gerät seit zwanzig Jahren durch die Spitalgasse und verdiente damit so viel Kies, dass er sich fast jeden Tag satt essen konnte. Aber vor einigen Wochen hatte ihn der Schlag getroffen. Seitdem humpelte er, und deshalb wollte er zu seiner Tochter nach Lauf ziehen und die Küche für drei Silbergulden verhökern.
Als Zenzi davon hörte, hatte sie den klapprigen Wagen mit dem Ofen und den Ablagen für Fleisch und Gemüse tagelang wie verzaubert angestarrt. Sie wurde älter. Es fiel ihr immer noch leicht, zu rempeln und unter Mäntel und Jacken zu greifen und Geldbeutel von Gürteln zu schneiden, aber die Leute wurden allmählich misstrauisch. Obwohl sie klein gewachsen war, nahm man ihr das tobende Kind nicht mehr ab. Zwei oder drei Mal hatte jemand sie schon am Kragen gepackt, und sie war nur davongekommen, weil sie wie eine Furie um sich geschlagen hatte.
Was ihr blühte, wenn man sie erwischte, war ihr klar: Der Nachrichter ging einmal im Monat seinem Dienst auf dem Hauptmarkt nach, und dort konnte man die Hände in einen Korb purzeln sehen, wenn die armen Sünder nicht gleich vor den Mauern geführt und am Galgenhof auf dem stadteigenen Rundgalgen gehängt wurden.
Kein Wunder, dass die Küche ins Zentrum ihres Begehrens rückte. Sie hatte sich zusammengeträumt, wie sie das Doppelte vom Kracker-Veit verdienen würde und wie sie und Utz niemals mehr hungern würden. Nur: Wie hätte eine Zenzi Nabholz jemals drei Gulden zusammenklauen sollen? Als sie den Stollen entdeckte, hatte ihr Herz also jubiliert.
„Wir nehmen nur wenig. Vier oder fünf Hüte, das merkt er gar nicht“, sagte sie jetzt zu Utz. „Und wenn doch, kommt er nie drauf, wer ihm die Sore unterm Hintern weggeklaut hat.“
„Wenn das nur gut geht, Babetutchen.“
Zenzi drehte sich um. Ihr Freund war nicht für schmale Stollen gemacht. Sein Quadratschädel fegte die schlafenden Fledermäuse von der Decke, und aus einem Kratzer lief ihm Blut in den stachligen Bart. Er lächelte sie an und machte sich an die schwierige Aufgabe, seine Bedenken in Worte in zu fassen. „Man muss unsichtbar sein wie´n Geist.“
„Aber wir sind unsichtbar, Utz. Durch die Falltür kommen wir in den Wasserkeller und von da ins Lager. Wir müssen keinen Schritt in sein Haus tun, verstehste? Der kriegt gar nicht mit, dass wir da sind.“ Sie boxte ihm ermutigend mit der Faust gegen die Brust, und sie machten sich wieder auf den Weg.